Pippi Langstrumpf

30. Dezember 2022

Der 23. April ist der „Welttag des Buches“. Bis zu diesem Tag möchte ich in lockerer Folge „Bücher und Texte, die mein Leben verändert haben“, noch einmal lesen und mich erinnern, in welcher Weise sie mich geprägt haben.

Da es dabei ziemlich schnell um mein zentrales Thema, die Vergänglichkeit, ging, werde ich sie in diese Rubrik stellen.

Viel Spaß beim Lesen!

1971 kam die Serie „Pippi Langstrumpf“ ins deutsche  Fernsehen. Fernsehen war damals noch etwas Besonderes und Pippi Langstrumpf die Allergrößte.
Die letzte Folge der Serie wurde ausgestrahlt, und ich lehnte weinend am Fernsehapparat – die aufregendste, lustigste Freundin, die man sich nur vorstellen konnte, war unwiederbringlich verschwunden und es gab kein Video oder keinen Stream, der sie mir hätte zurückbringen können.

Meine Mutter schenkte mir daraufhin das erste der drei kleinen dicken Bücher mit dem Versprechen, wenn ich es ausgelesen hätte, bekäme ich das zweite und dann das dritte – was außergewöhnlich war, denn eigentlich gab es solche Geschenke nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten.

Ich war gerade in der ersten Klasse und lernte mit Pippi Langstrumpf das Lesen, von Buch zu Buch ging es flüssiger. Ich lernte aber vor allem, dass wir durch die Macht des geschriebenen Wortes mit unsere Liebsten die spannendsten Abenteuer erleben können, jederzeit und immer wieder, so oft wir es uns wünschen.

Pippi Langstrumpf – was für ein Wunder, dass Astrid Lindgren sie uns geschenkt hat!
Ein neunjähriges Mädchen, das allein lebt, ihre Mutter ist im Himmel, der Vater von Bord seines Schiffes ins Meer gestürzt, aber dieses kleine Mädchen ist alles andere als verzweifelt – sie „macht sich die Welt, wiedewiedewie sie ihr gefällt“!

Pippi ist allein, aber überhaupt nicht einsam.

Um Pippi muss man sich keine Sorgen machen: sie ist „reich wie ein Zauberer“ mit ihrem Koffer voller Goldstücke, sie kann kochen und sie ist kerngesund und unbesiegbar. Pippi bändigt Polizisten, Landstreicher und Einbrecher, sie ist stärker als der stärkste Mann der Welt, sie reitet auf einem Stier und hat keine Angst vor Tigern oder Haien.
Bei Pippi wird jedes Abenteuer zum Spiel und jeder Augenblick zum Abenteuer. Sie hat das legendäre „Sachensuchen“ und „Nicht-den-Boden-berühren“ erfunden, das wir als Kinder so gern nachgespielt haben.

Für die Nachbarskinder Thomas und Annika öffnet sich eine Welt der Wunder, und wir kleine Leser identifizierten uns mit diesen ganz gewöhnlichen, braven Kindern, die von dem aufregendsten Mädchen der Welt auserwählt sind, ihre Freunde zu sein.

Pippi platzt vor Phantasie. Mit ihrem Vater hat sie die ganze Welt bereist und sie erzählt die ulkigsten Geschichten aus Ländern, die niemand außer ihr je gesehen hat, deshalb können ihre kleinen und großen Zuhörer nie wirklich wissen, ob ihre originellen Berichte nicht vielleicht doch wahr sind – in den 60er und 70er Jahren war auch das Reisen noch etwas eher Seltenes.

Jede kleine Begebenheit wird zur Vorlage einer phantastischen Geschichte – in Ägypten gehen alle Leute rückwärts, in Hinterindien laufen sie auf den Händen, in Nicaragua lügen die Leute, in Brasilien haben sie Ei im Haar, in Guatemala schlafen sie mit den Füßen auf dem Kopfkissen, in China haben sie riesige Ohren und … und … und …

Thomas bringt es auf den Punkt: „Pippi lügt nicht richtig, sie tut nur, als ob das, was sie sich ausgedacht hat, gelogen ist“

Gleichzeitig ist Pippi entwaffnend ehrlich, und sie hat eine wunderbare eigene Logik – mein Lieblingssatz, den ich immer wieder zitiere, ist: „Wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr nicht wiederkommen, und das wäre doch schade.“

Pippi hat kein „Benehmen“, wie es in den 60er und 70er Jahren noch wichtig war. Sie erzieht sich selbst, und man nimmt ihr ab, dass sie das auch wirklich tut – erst freundlich, dann mit strenger Hand.

Pippi ist immer gut gelaunt, sie strotzt vor Selbstbewusstsein.
Pippi ist großzügig. Sie beschenkt ihre Freunde mit Schätzen, die sie aus aller Welt mitgebracht hat, und sie lädt auch alle anderen Kinder der kleinen, kleinen Stadt ein.

Pippi ist ungebildet, sie kann nicht schreiben und keine „Plutimikation“. In der ihr eigenen Logik beschließt sie aber, dass es für sie keine Bedeutung hat, ob sie weiß, wie man das Wort „seekrank“ schreibt, denn sie wird niemals seekrank, und wenn sie es doch würde, wäre es nicht wichtig, ob sie weiß, wie man es schreibt.

Es ist nur folgerichtig, dass Pippi niemals groß werden möchte. „Im Herbst werde ich zehn Jahre alt, und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich“, sagt sie, und verzehrt gemeinsam mit Thomas und Annika die berühmten Krummelusperlen, die verdächtig wie Erbsen aussehen, aber natürlich wollen wir mit den dreien daran glauben, dass dieses kleine Ritual am Ende des letzten Buches dazu beiträgt, dass Pippi Langstrumpf immer das bleibt, was sie ist: Ein unbesiegbares, immer fröhliches neunjähriges Mädchen, das unser Leben mit ihren Ideen und ihrer Großzügigkeit zum Leuchten bringt.