Grabinschriften

6. September 2020

Von jeher ziehen mich Friedhöfe magisch an.

Seit langem leben wir in unmittelbarer Nähe des Ohlsdorfer Friedhofes, des größten Parkfriedhofes der Welt. Einige Jahre konnten wir von unserem Balkon direkt in den Friedhof schauen.
Seitdem liebe ich es, mich durch diesen wunderschönen Park treiben zu lassen und entdecke dabei immer neue spannende Ecken.

Da gibt es erschütternde Erinnerungen an zwei Weltkriege – Mahnmale für Verfolgte des Dritten Reiches, Urnen mit Asche aus sämtlichen KZs, man findet Kriegsgräber für Soldaten vieler Nationen, eine Gedenkstätte erinnert an Seeleute, die während des Krieges auf Hamburger Schiffen verstorben sind – „GLÜCKLICHER DER DU DIE SONNE NOCH SIEHST GRÜSS UNSERE HEIMAT DIE WIR GETREU BIS ZUM TOD MEHR ALS DAS LEBEN GELIEBT“, und die Opfer des „Feuersturmes“ 1943 sind nach Stadtteilen in Massengräbern „geordnet“.

Was mich immer wieder fasziniert, sind Grabinschriften.

Über meinen „Lieblingsengel“ und den Spruch „Gerda, du hast aus deinem Leben einen Märchentraum gemacht!“ habe ich einen eigenen kleinen Artikel geschrieben.

Ebenfalls lange beschäftigt hat mich ein Stein mit der Text- und Notenzeile: „Es ist genug!“.
Was ging in dem Urheber dieser Gravur vor? Ist er ein musikalischer Dilettant oder kennt er sich ungewöhnlich gut aus?
Es gibt eine gleichnamige Arie aus dem „Elias“ von Mendelssohn, da stimmen aber die Noten nicht, und auch die Bach-Kantate „Ich habe genug“ kann nicht gemeint sein.
Der Notenschlüssel ist schwer einzuordnen, die Vorzeichen sind unpassend und die Notenhälse auf der falschen Seite. Das könnte auf eine sehr alte Komposition hindeuten.
Die Melodie führt einen Tritonusgang aufwärts, einen „Diabolus in musica“.
Hat das alles etwas zu bedeuten oder interpretiere ich mit viel Mühe eine Inschrift, die einfach fehlerhaft ist?
Geht es vielleicht nur um den Ausdruck von Lebensüberdruss?
Unter der Notenzeile ist Platz für einen einzigen Namen, der aber nicht verraten wird – lebt der Mensch noch, der sich diesen Grabstein gesetzt hat, oder gibt es keine Angehörigen, die Namen und Daten in Stein meißeln lassen könnten oder wollten?
Ist die Inschrift ein anonymes Signal, dass es jemandem schlecht geht und er sich nach dem Tod sehnt? Drückt sie einen Hilfeschrei aus, der keine Hoffnung hat, gehört zu werden, aber doch ein Zeichen setzen möchte?

Aus dem, was nicht zu sehen, ist, kann man viel erraten.
Ich liebe es, aus Geburts- und Sterbedaten das Alter von Verstorbenen zu ermitteln. Dabei erschließen sich teils aus spärlichen Informationen tragische Geschichten.

So stieß ich auf einen Wilhelm T., Jahrgang 1908, der eine sehr junge Frau heiratete, Renate, geboren 1925. Den beiden wurde 1949 ein kleiner Manfred geschenkt, dieser starb aber schon im Februar 1950, was Renate nur um 3 Monate überlebte. Ihr Tod wird für Mai 1950 angezeigt.
56 Jahre trug Wilhelm T. an seinem Schicksal, er wurde fast 100 Jahre alt.
Erst 2006 war die Familie „endlich wieder vereint“, so die Gravur auf dem Grabstein.

Als Studentin sang ich einen Liederzyklus nach „Poetischen Grabinschriften“. Die Texte zeichneten sich durch teils recht morbiden Humor aus – „…Einer Hure“ wurde der Spruch „Hier liegt, die gerne lag“  zugedacht. Makabererweise erinnert mich das an einen „echten Fall“: In der Nähe des Haupteinganges liegt eine 23jährige, die bei ihrer 5. Brustvergrößerung starb (das erfährt man mit einem Klick bei Google). Ihr Grab, ein „Engel mit dem Apfel der Sünde“, scheint eine Pilgerstätte zu sein, dort stehen auch Jahre nach ihrem Tod stets frische Blumen.
A propos Blumen – ein älterer Herr, der seiner Frau jede Woche frische Blumen ans Grab stellt – hat er sie auch zu Lebzeiten so häufig damit bedacht? In mein Poesialbum schrieb mir mein Onkel Willi ein Gedicht mit dem Satz:
„Und viel mehr Blumen während des Lebens,
denn auf den Gräbern, da sind sie vergebens.“

Der oben erwähnte Liederzyklus enthielt auch das Gedicht von Paul Fleming:
„Freund! Was du liesest hier von mir,
hab ich von andern oft gelesen.
Man wird es lesen auch von dir:
Was du bist, bin auch ich gewesen.“
– ein Toter hält dem Lebenden seine Endlichkeit vor Augen.

Ich entdeckte die Statue einer schönen jungen Frau mit einer Sanduhr in der Hand, welche die Vorübergehenden mahnt, dass ihre Zeit in jedem Augenblick unwiederbringlich verrinnt.
Und ich sah einen kleinen, in Marmor gemeißelten, leeren Sessel, mit einem Laken abgedeckt, oben auf einer Säule.

Immer wieder beschäftigt mich die Frage: Wann und wie befasst man sich mit der eigenen Vergänglichkeit?

Meine Tante Lotte und ihr Mann hatten sehr rechtzeitig vorgesorgt. Es gab eine Marmorplatte mit eingravierten Namen und Geburtsdaten, nur die Todestage fehlte. Da die beiden aber sehr alt wurden, mussten sie die Berechtigungszeit ihres Grabes verlängern, die nach 25 Jahren abgelaufen war. Das sorgte damals in der Familie für große Heiterkeit.

Einige Weitsichtige haben sogar den Tod ihrer Nachfahren im Blick – „Grabstätte O.D. und Kinder“. Das ist ja noch nachvollziehbar, aber was mag der Mensch sich gedacht haben, der eine „Ruhestätte für H.S. und Frau und Enkel“ eingerichtet hat!
Heutzutage scheint es mir undenkbar, das Ableben der Kinder oder gar Enkel einzuplanen…

Wer wird in Zeiten wechselnder Beziehungen und schwindender Lebensverbindungen ein Grab teilen?

Menschen haben mächtige Familiengräber gekauft, auf deren Steinen Raum ist für viele Nachkommen.
Es stimmt mich traurig, wenn dann nach „Lidda“, die 1958 beigesetzt wurde, niemand mehr folgt, oder wenn ein Paar sich bescheiden unten auf der rechten von drei großen Marmorplatten verewigt hat und der restliche Platz leer geblieben ist.

Gräber und ihre Inschriften sind von Hinterbliebenen gestaltete Orte der Trauer, der Dankbarkeit und der Botschaften.  Möchte man selbst diese immer wieder lesen oder ist es eine Auskunft an Vorbeigehende?
Hier liegen Beziehungen – „In ewiger Liebe“, „Ewig unvergessen“, „Hier ruht mein ganzes Glück“, oder „She‘s the one! MS Europa“ (Liegt dort ein Dampfer? Vermutlich eher eine Vielgereiste.)
Bisweilen schreit jemand seinen Schmerz mehr oder weniger bewältigt heraus – „Unsere liebe gute Edith, Gott weiß, warum“ oder „Zu früh für uns, doch Gottes Wille“.

Man sehnt sich danach, etwas Aussagekräftiges zu hinterlassen – eingravierte Notenschlüssel, einen Liegestuhl oder goldene Boxhandschuhe, ein Grabstein hat die Form eines extrahierten Zahnes,
und immer wieder tauchen Schiffe auf (oder unter?) – ob dort wohl überall Seefahrer liegen oder ist das Schiff ein Symbol für die Reise ins Ungewisse?

Sind Titel noch wichtig für einen Toten? „Prof. Dr.“, vielleicht auch „h.c.“ ?
Wie groß hätte der Grabstein für Helmut Schmidt sein müssen, wenn all seine 30 Ehrendoktortitel darauf hätten Platz finden müssen!
Die liest man dort nicht, aber ab und zu lässt jemand Zigarettenkippen liegen, im Idealfall mit Aschenbecher, oder gar ein Päckchen Mentholzigaretten mit einem Prospekt, wie deren Liebhaber sich nach dem Verbot derselben behelfen können.
Zeigt das eine besondere Verbundenheit, soll es witzig sein oder ist es geschmacklos – es wird jedenfalls immer mal wieder abgeräumt.

Verstorbene werden gern als „selbstlos und gütig“ gepriesen.
Aber möchte man auf seinem Grabstein heute noch den Spruch hinterlassen:
„Und wenn es köstlich gewesen ist,
so ist es Mühe und Arbeit gewesen“?

Nach einer Aufforderung an die Nachwelt klingt:
Suche und finde deine Glückseligkeit
im Glück und in der Freude Anderer

Nicht ganz verstanden habe ich das Gedicht:
Stets einfach war dein Leben.
Du dachtest nie an Dich,
Nur für die Deinen streben,
Hielt‘st Du für Glück und Pflicht!

– Was soll daran einfach gewesen sein? Offenbar war die Dame (natürlich eine Frau!) so unendlich selbstlos, dass es ihr leicht fiel, ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, was ihre Angehörigen gern angenommen und ihr mit diesem Gedicht gedankt haben, oder hatten sie vielleicht ein schlechtes Gewissen?

In Lissabon fanden sich etliche Steine mit der Inschrift: „Propiedad de… “ – „Eigentum von…“ – aber was gehört einem Verstorbenen? Gern folgte dabei auf einen Männernamen „…und Frau und Kinder“ – soll die Familie über ihren Tod hinaus Eigentum des „Herren“ sein?

Wie viel Glaube steckt in „Hier ruht…“, der „letzten Ruhestätte“ oder dem „letzten Heim“?
Die Mühsal des Lebens, vor allem des letzten Lebensabschnittes ist vorbei, da scheint die Gedankenwelt der Romantik hindurch – der Tod tritt ein als Erlösung von den Leiden dieser Welt.

So mancher drückt seine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod aus –
Meine kleine Zuckerschnecke,
unsere Zeit und
unsere Liebe ist einzigartig.
Die Zeit ist vorbei,
unsere Liebe bleibt.
ich werde Dich finden,
wie versprochen!

In strahlend weißem Marmor steht ein wie im Tanz umschlungenes, sich küssendes Paar auf einem Sockel: „Wiedersehen unsere Hoffnung“, hinter ihnen das Grab eines „lieben kleinen Pauls“.

Nicht jeder Grabstein drückt Verzweiflung aus – ich las „Heia Safari“ oder  „Bunt war das Dasein, Hoschi“, und entdeckte ein fast 70jähriges „Butterflöckchen“.
Großartig fand ich das Photo einer alten Frau, die kurz nach ihrem 94. Geburtstag starb, dem Namen nach vielleicht russisch, mit schwarzer Haube, schwarzem Kleid und einer Tasse in der Hand, dem Betrachter fröhlich zuprostend.

Eine besonders „lebendige Ecke“ des Friedhofes ist das iranisch-islamische Gräberfeld. Dort sind alle Gräber nach Mekka ausgerichtet, auf vielen der (oft schwarzen) Steine sind Bilder und goldene Inschriften zu entdecken, es gibt marmorne Grabeinfassungen oder kleine Zäune, Stühle stehen bereit für die zahlreichen Besucher und die Gräber sind stets farbenfroh mit frischen Blumen geschmückt.
Auf einem der Grabsteine fand ich folgendes Gedicht:
Als ich tat, was alle mir sagten, war ich blind.
Als ich kam, wenn andere mich riefen, war ich verloren.
Als ich alle verließ, mich eingeschlossen,
fand ich alle, mich eingeschlossen.
Darüber kann man ein wenig nachsinnen.

Eine spannende Inschrift steht nicht auf einem Grab, sondern auf einer Spendertafel auf dem Kirchhof des Michels. Eine Dame hat viel Geld ausgegeben, um ihren Mann posthum bloßzustellen (auf der Tafel sind Name und Ort vollständig):
Zum 1. Todestag
Gustav B., St.
55 Jahre verheiratet und lässt mich in einem Schlamassel zurück.
Liselotte
Da möchte man doch unbedingt mehr wissen!

So vielfältig wie die Menschen, so unterschiedlich sind ihre Hinterlassenschaften auf dem Friedhof.
Gerade im Bewusstsein unserer Endlichkeit gefiel mir der Spruch:
„Lebe jeden Tag so, als wenn es dein erster wär‘“
– Es wird nicht der übliche „letzte Tag“ beschworen, in welchen wir vielleicht in großer Hektik noch alles hineinpacken, was wir verpasst zu haben meinen, sondern das Staunen über alles, was uns begegnet, kein Getrieben-sein, sondern ein Aufwachen, ein Neu-Erleben des scheinbar Selbstverständlichen, der Blick nicht zurück, sondern vorwärts gerichtet, wie es vielleicht mancher nach einem Unfall, nach überstandener Krankheit oder nach einem Nahtoderlebnis empfindet, der seinen „zweiten Geburtstag“ feiert.

In diesem Sinne hinterlassen Menschen, die ihren letzten Weg schon gegangen sind, uns etwas sehr Kostbares:
Unsere Zeit ist endlich, aber „Memento mori“ bedeutet nicht Angst vor dem Ende, sondern Ja zum Leben.