Grabinschriften

6. September 2020

Ganz in unserer Nähe liegt der Ohlsdorfer Friedhof. In diesem größten Parkfriedhof der Welt entdecke ich immer neue spannende Ecken. Da gibt es einen Rosengarten, Schmetterlingsgräber, einen Waldlehrpfad, verwilderte Ecken mit Baumgräbern oder kunstvoll angelegte Paargrabstätten.
Ein einsamer Fischreiher steht wie eine Statue im Teich, ein Bussard zieht seine Kreise und aus dem Morgennebel tauchen Rehe auf.

Eingerahmt wird der Friedhof von erschütternde Erinnerungsstätten: Nahe dem Eingang, dem Krematorium gegenüber steht ein Mahnmahl aus Urnen, die Asche aus sämtlichen KZs enthalten. Im hinteren Bereich des Friedhofes findet man Soldaten unterschiedlicher Nationen und des Commonwealth, in Reih und Glied beigesetzt.
In einem großen Kreuz aus Massengräbern, nach Stadtteilen angeordnet, liegen die Opfer des „Feuersturmes“ von 1943.
Eine Gedenkstätte erinnert an Seeleute, die während des Krieges auf Hamburger Schiffen verstorben sind:
„GLÜCKLICHER DER DU DIE SONNE NOCH SIEHST
GRÜSS UNSERE HEIMAT DIE WIR GETREU BIS ZUM TOD MEHR ALS DAS LEBEN GELIEBT“

Einige Jahre lebten wir in einem Haus mit Blick in den Friedhof. An unseren Garten grenzte eine kleine Grabstelle für früh verstorbene Kindern. Sie war durch eine Hecke verdeckt, aber am Wochenende leuchteten kleine Lichter durch die Büsche. Etliche dieser Gräber aus den Jahren 2001 bis 2003 sind aufgelöst, aber vereinzelt werden sie immer noch liebevoll gepflegt und regelmäßig besucht.

Was mich immer wieder fasziniert, sind Grabinschriften.

Wenn man den Friedhof durch den Eingang „Kornweg“ betritt und sich gleich rechts hält, bis man auf die Kapelle 6 zuläuft, findet man auf der linken Seite, ein wenig eingewachsen in hohe Rohododendronbüsche, den allerschönsten Engel des Friedhofes.
Die Flügel weit ausgebreitet, hält eine zarte Frau eine lange Feder in der linken Hand, ihre rechte Hand ist sanft gehoben, als wollte sie den Kopf eines Kindes streicheln. Der Kopf ist geneigt, das fein gearbeitete Gesicht strahlt Frieden aus, die Augen sind fast geschlossen. Unter dem Engel ist eine Tafel befestigt:
„GERDA, DU HAST AUS DEINEM LEBEN EINEN MÄRCHENTRAUM GEMACHT!“

Ich habe den Engel oft besucht, einen Moment verweilt und darüber nachgedacht, was es wohl mit diesem Satz auf sich haben könnte.
Ein Nachbar, ehemals Friedhofsdirektor, und der „Verein der Friedhofsfreunde“ fanden heraus:

Gerda Appel war eine sehr resolute Dame, die hochbetagt in einem Heim starb. Sie hatte einen nicht weiter geklärten persönlichen Bezug zu der Familie, die vor ihr unter dem Engel gelegen hat. Die Familie oder der Engel müssen ihr viel bedeutet haben, denn sie zahlte einen fünfstelligen Betrag, um das vierstellige Grab für sich allein zu kaufen und es pflegen zu lassen.

Was mich sehr berührt: Den Text auf der Gedenktafel hat Gerda Appel selbst verfasst – sie hat sich also quasi selbst auf die Schulter geklopft!
Ein Märchentraum – damit verbinde ich die Liebe zu einem Prinzen, überwundene Gefahren und vor allem ein Happy End. Was davon Frau Appel erlebt hat, konnte ich nicht herausfinden. Sie war nicht verheiratet und hatte soweit man wusste keine Kinder, trotzdem muss sie am Ende mit ihrem Leben höchst zufrieden gewesen sein und wollte das der Nachwelt mit dieser wunderschönen Inschrift hinterlassen.
Wie schade, dass diese spannende Geschichte nun auf immer verloren ist!
Was aber in diesem kurzen Satz deutlich wird: Das Märchen ist Gerda Appel nicht widerfahren, sondern sie hat offenbar selbst dafür gesorgt, dass sie am Ende ihres Lebens stolz auf sich sein konnte.
Am 100. Geburtstag von Frau Appel haben wir ihr eine Rose und eine Kerze gebracht. Möglicherweise waren wir, die wir diese Frau nie kennengelernt haben, die einzigen, die an diesem Tag an sie gedacht haben.

Ebenfalls lange beschäftigt hat mich ein Stein mit der Text- und Notenzeile: „Es ist genug!“.
Es gibt eine gleichnamige Arie aus dem „Elias“ von Mendelssohn, da stimmen aber die Noten nicht, und auch die Bach-Kantate „Ich habe genug“ kann nicht gemeint sein.
Unter der Notenzeile ist Platz für einen einzigen Namen, der aber nicht verraten wird – lebt der Mensch noch, der sich diesen Grabstein gesetzt hat, oder gibt es keine Angehörigen, die Namen und Daten in Stein meißeln lassen könnten oder wollten?
Ist die Inschrift ein Zeichen von Lebensüberdruss, ein anonymes Signal, dass es jemandem schlecht geht und er sich nach dem Tod sehnt? Drückt sie einen Hilfeschrei aus, der keine Hoffnung hat, gehört zu werden, aber doch ein Zeichen setzen möchte?
Die Melodie führt einen Tritonusgang aufwärts, einen „Diabolus in musica“. Der Notenschlüssel ist schwer einzuordnen, die Vorzeichen sind unpassend und die Notenhälse auf der falschen Seite. Das deutet auf eine sehr alte Komposition hin.
Was ging in dem Urheber dieser Gravur vor? Ist er ein musikalischer Dilettant oder kennt er sich ungewöhnlich gut aus?
Hat das alles etwas zu bedeuten oder interpretiere ich mit viel Mühe eine Inschrift, die fehlerhaft ist?

Offenbar wird meine Seite genau gelesen. Von zwei gebildeten Menschen erhielt ich den Hinweis, dass diese Grabinschrift einer Bachkantate entstammt – dem Schlusschoral der Kantate BWV 60. Alban Berg hat in seinem Violinkonzert ebenjene Wendung zitiert.

Der musikalische Grabstein scheint also ein „Modell-Exemplar“ zu sein – es versteckt sich gar keine geheimnisvolle oder dramatische Geschichte dahinter. Dennoch finde ich diesen Stein sehr inspirierend.

Aus Geburts- und Sterbedaten erschließen sich teils tragische Geschichten.
So stieß ich auf einen Wilhelm T., Jahrgang 1908, der eine sehr junge Frau heiratete, Renate, geboren 1925. Den beiden wurde 1949 ein kleiner Manfred geschenkt, dieser starb aber schon im Februar 1950, was Renate nur um drei Monate überlebte. Ihr Tod wird für Mai 1950 angezeigt. 56 Jahre trug Wilhelm T. an seinem Schicksal, er wurde fast 100 Jahre alt.
Erst 2006 war die Familie „endlich wieder vereint“, so die Gravur auf dem Grabstein.

Als Studentin sang ich einen Liederzyklus nach „Poetischen Grabinschriften“. Darin war ein Gedicht von Paul Fleming vertont:
„Freund! Was du liesest hier von mir,
hab ich von andern oft gelesen.
Man wird es lesen auch von dir:
Was du bist, bin auch ich gewesen.“
– Ein Toter hält den Lebenden ihre Endlichkeit vor Augen.
Andere Texte zeichneten sich durch morbiden Humor aus. „…Einer Hure“ wurde bescheinigt: „Hier liegt, die gerne lag“. Makabererweise erinnert das an einen „echten Fall“: In der Nähe des Haupteinganges liegt eine 23jährige, die bei ihrer fünften Brustvergrößerung starb (das erfährt man mit einem Klick bei Google). Ihr Grab, ein „Engel mit dem Apfel der Sünde“, scheint eine Pilgerstätte zu sein – auch Jahre nach ihrem Tod stehen dort stets frische Blumen.
A propos Blumen – der ältere Herr, der seiner Frau jede Woche frische Blumen ans Grab stellt – hat er sie auch zu Lebzeiten so häufig damit bedacht?
Mein Onkel Willi schrieb mir in mein Poesialbum die Sätze:
„Und viel mehr Blumen während des Lebens,
denn auf den Gräbern, da sind sie vergebens.“

Die Statue einer schönen jungen Frau hält eine Sanduhr in der Hand, welche die Vorübergehenden mahnt, dass ihre Zeit in jedem Augenblick unwiederbringlich verrinnt.
Auf einer Säule steht ein kleiner, in Marmor gemeißelter Sessel, mit einem Laken abgedeckt – dieser Platz bleibt auf immer leer.

Wann und wie befasst man sich mit der eigenen Vergänglichkeit?

Meine Tante Lotte und ihr Mann hatten sehr rechtzeitig vorgesorgt. Es gab eine Marmorplatte mit eingravierten Namen und Geburtsdaten, nur die Todestage fehlte. Da die beiden aber sehr alt wurden, mussten sie die Berechtigungszeit ihres Grabes verlängern, die nach 25 Jahren abgelaufen war. Das sorgte damals in der Familie für große Heiterkeit.

Einige Weitsichtige haben schon den Tod ihrer Nachfahren im Blick – man findet eine Grabstätte für „O.D. und Kinder“, und jemand hat sogar eine „Ruhestätte für H.S. und Frau und Enkel“ eingerichtet!
Heutzutage scheint es mir undenkbar, das Ableben der Kinder oder gar Enkel so sichtbar einzuplanen…

Auf den Steinen mächtiger Familiengräber ist Raum für viele Nachkommen.
Wie traurig, wenn dann nach „Lidda“, die 1958 beigesetzt wurde, niemand mehr folgt, oder wenn ein Paar sich bescheiden unten auf der rechten von drei großen Marmorplatten verewigt hat und der restliche Platz frei geblieben ist.

Wer wird in Zeiten wechselnder Beziehungen und bröckelnder Lebensverbindungen ein Grab teilen?

Gräber und ihre Inschriften sind von Hinterbliebenen gestaltete Orte der Trauer, der Dankbarkeit und der Botschaften.
„In ewiger Liebe“, „Ewig unvergessen“, „Hier ruht mein ganzes Glück“ – möchte man das selbst lesen oder ist es eine Auskunft für Vorbeigehende?

Mancher schreit seinen Schmerz heraus: „Das Glück war zu groß“, „Unsere liebe gute Edith, Gott weiß, warum“ oder „Ist da jemand, der mein Herz versteht?“
Andere haben ihn bewältigt: „Zu früh für uns, doch Gottes Wille“.

Man sehnt sich danach, etwas Aussagekräftiges zu hinterlassen – „She‘s the one! MS Europa“ – liegt dort ein Dampfer? Vermutlich eher eine Vielgereiste.
Es gibt eingravierte Notenschlüssel, einen Liegestuhl oder goldene Boxhandschuhe. Ein Grabstein hat die Form eines extrahierten Zahnes.
Immer wieder tauchen Schiffe auf (oder unter?) – ob dort Seefahrer oder Segler liegen? Vermutlich ist das Schiff eher ein Symbol für das Lebensschiff, für eine Reise ins Ungewisse.

Was bedeuten einem Toten Berufsbezeichnungen oder Titel? „Prof. Dr.“, vielleicht auch „h.c.“ ?
Wie groß hätte der Grabstein für Helmut Schmidt sein müssen, wenn all seine 30 Ehrendoktortitel darauf hätten Platz finden müssen!
Die liest man dort nicht, aber ab und zu lässt jemand Zigarettenkippen im Aschenbecher liegen oder auch ein Päckchen Mentholzigaretten mit einem Prospekt, wie deren Liebhaber sich nach dem Verbot derselben behelfen können.
Soll das witzig sein?

Verstorbene werden gern als „selbstlos und gütig“ gepriesen, hier als Aufforderung an die Nachwelt:
Suche und finde deine Glückseligkeit
im Glück und in der Freude Andere
r

Aber möchte man auf seinem Grabstein heute noch den Spruch hinterlassen:
Und wenn es köstlich gewesen ist,
so ist es Mühe und Arbeit gewesen

Nicht ganz nachvollziehbar finde ich das Gedicht:
Stets einfach war dein Leben.
Du dachtest nie an Dich,
Nur für die Deinen streben,
Hielt‘st Du für Glück und Pflicht!

Was soll daran einfach gewesen sein? Offenbar war die Dame (natürlich eine Frau!) so unendlich selbstlos, dass es ihr leicht fiel, ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, was ihre Angehörigen gern angenommen und ihr mit diesem Gedicht gedankt haben – oder hatten sie vielleicht ein schlechtes Gewissen?

In Lissabon fanden sich Steine mit der Inschrift: „Propiedad de… “ – „Eigentum von…“ – aber was gehört einem Verstorbenen? Gern folgte dabei auf einen Männernamen „…und Frau und Kinder“ – soll die Familie über ihren Tod hinaus Eigentum des „Herren“ sein?

Wie viel Glaube steckt in „Hier ruht…“, der „letzten Ruhestätte“ oder dem „letzten Heim“?
Die Mühsal des Lebens, vor allem des letzten Lebensabschnittes, ist vorbei, der Tod tritt ein als Erlösung von den Leiden dieser Welt. Da scheint die Gedankenwelt einer vergangenen Zeit hindurch.

So mancher drückt seine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod aus:
In strahlend weißem Marmor steht ein wie im Tanz umschlungenes, sich küssendes Paar auf einem Sockel: „Wiedersehen unsere Hoffnung“, hinter ihnen das Grab eines „lieben kleinen Pauls“.
Eine andere Inschrift verspricht:
Meine kleine Zuckerschnecke,
unsere Zeit und
unsere Liebe ist einzigartig.
Die Zeit ist vorbei,
unsere Liebe bleibt.
ich werde Dich finden,
wie versprochen!

Es gibt launige Sprüche wie „Heia Safari“ oder  „Bunt war das Dasein, Hoschi“.
Man findet ein fast 70jähriges „Butterflöckchen“ oder das Photo einer alten Frau, die kurz nach ihrem 94. Geburtstag starb, dem Namen nach russisch, mit schwarzer Haube, schwarzem Kleid und einer Tasse in der Hand, dem Betrachter fröhlich zuprostend.

In einer Ecke des Friedhofes ist das iranisch-islamische Gräberfeld. Dort sind alle Gräber nach Mekka ausgerichtet. In viele der Steine sind Bilder eingelassen, goldene Inschriften sind in schwarzen Marmor graviert, es gibt marmorne Grabeinfassungen oder kleine Zäune, Stühle stehen bereit für die zahlreichen Besucher, und die Gräber sind stets farbenfroh mit frischen Blumen geschmückt – ein sehr aktiver, lebendiger Umgang mit den Verstorbenen.
Auf einem der Grabsteine fand ich folgendes Gedicht:
Als ich tat, was alle mir sagten, war ich blind.
Als ich kam, wenn andere mich riefen, war ich verloren.
Als ich alle verließ, mich eingeschlossen,
fand ich alle, mich eingeschlossen.
Darüber kann man in Ruhe nachsinnen.

Eine sehr originelle Inschrift steht nicht auf einem Grab, sondern auf einer Spendertafel auf dem Kirchhof des Michels. Eine Dame muss viel Geld ausgegeben haben, um ihren Mann posthum bloßzustellen:
Zum 1. Todestag
Gustav B., St.
55 Jahre verheiratet und lässt mich in einem Schlamassel zurück.
Liselotte

Da möchte man doch unbedingt mehr wissen!

Gerade im Bewusstsein unserer Endlichkeit gefiel mir der Spruch:
„Lebe jeden Tag so, als wenn es dein erster wär‘“
Beschworden wird nicht der übliche „letzte Tag“, in welchen wir hektisch alles hineinpacken, was wir verpasst zu haben meinen, gierig und unersättlich, sondern das Staunen über alles, was uns begegnet. Kein Getrieben-Sein, sondern ein Aufwachen, ein Neu-Erleben des scheinbar Selbstverständlichen, der Blick nicht zurück, sondern vorwärts gerichtet, wie es vielleicht mancher nach einem Unfall, nach überstandener Krankheit oder nach einem Nahtoderlebnis empfindet, der seinen „zweiten Geburtstag“ feiert – die lebenszugewandte Aufforderung: Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal!

So vielfältig wie die Menschen, so unterschiedlich sind ihre Hinterlassenschaften auf dem Friedhof. Menschen, die ihren letzten Weg schon gegangen sind und ihre Angehörigen hinterlassen uns etwas sehr Kostbares:
Unsere Zeit ist endlich, aber „Memento mori“ bedeutet nicht Angst vor dem Ende, sondern Ja zum Leben.

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