Alt werden – Abschied nehmen

Ein 8jähriges Mädchen saß auf dem Klavierhocker und brach in Tränen aus – „Meine schönsten Jahre sind vorbei!“ Die Klavierlehrerin war erschüttert. Ihr fiel keine tröstende Floskel ein – dieser Schmerz war tief empfundenen und wirklich ernst zu nehmen.
Als ich 13 war, fragte mich eine Frau nach meinem Alter und meinte: „Von jetzt an geht die Zeit immer schneller.“ Mir war, als hätte sie mit dieser Äußerung die Beschleunigung eingeleitet.
Ungefähr im gleichen Alter hat mich „Time“ von Pink Floyd geprägt, da heißt es: ‚You are young and life is long and there is time to kill today‘. Und später: ‚So you run and you run to catch up with the sun but it’s sinking Racing around to come up behind you again‘.
Seit dieser Zeit beschäftigen mich das Älterwerden und die Frage, wie ich mein Leben am besten gestalten und nutzen kann.

„Alt werden ist Scheiße und wer etwas anderes behauptet, der lügt!“, sagte meine 80jährige Mitbewohnerin Lisa. Den Menschen, der sie zum ersten Mal auf ihr richtiges Alter schätzte, hätte sie ohrfeigen können, war sie doch stets für jünger gehalten worden. Eine andere alte Dame machte sich zehn Jahre älter als sie wirklich war und freute sich diebisch über die Komplimente.

Wann nehmen wir das Verstreichen der Zeit wahr, wann gestehen wir uns ein, dass wir älter werden?
„Die Alten“ scheinen wie eine fremde Spezies irgendwann von fernen Sternen zu fallen – wir mögen nicht wahrhaben, dass die gebrechlichen Hochbetagten etwas mit uns zu tun haben und schon manche recht jungen Menschen empfinden das Älterwerden als etwas zu Bekämpfendes.
Ich wuchs mit dem Spruch auf: „Die schönsten Jahre einer Frau sind die zehn Jahre zwischen 29 und 30“. Unterschwellig spürte ich schon als Kind, dass an diesem Satz etwas schief war.

Es ist unbequem, sich dem Älterwerden zu stellen, aber es ist nicht zu vermeiden.
Lange können wir durch gefärbte Haare, Diät, Sport oder gar Schönheitsoperationen verhindern, dass man uns unser Alter ansieht, wir können unser Gedächtnis trainieren und wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, in welcher die Zahnmedizin uns weitestgehend vor sichtbaren Zahnlücken bewahrt.
Wir fühlen uns jung und fit und innerlich sind wir immer noch die jungen Leute, die wir einst waren, ja, wir bleiben vielleicht auch noch lange Kinder mit unserer Unvernunft und unseren Verletzungen, aber irgendwann müssen wir uns eingestehen, dass wir älter werden, dass die Zahl der jüngeren, aktiveren, auch attraktiveren Menschen täglich wächst und dass unsere Kräfte nachlassen.

Eine Zeitlang können wir uns verstecken hinter denen, die geraucht, getrunken, zu viel und Falsches gegessen, zu wenig Sport getrieben oder sich mit riskanten Hobbies verschlissen haben und können uns einbilden, sie seien selbst schuld an ihrem Elend. Aber glauben wir wirklich, wir müssten nur alles richtig machen, dann trifft es uns nicht?

Das Leben findet statt auf dem kurzen Weg zwischen „schon“ und „noch“ – die Ungeduld der Heranwachsenden, die sich lösen wollen, den eigenen Weg suchen, das Streben nach Eigenständigkeit, Erfolg und Anerkennung, die Sehnsucht nach der großen Liebe, nach Familie, nach einem Zuhause.
Wie der Hamster im Rad zwischen Kindern und Beruf, gescheiterte Pläne, Schicksalsschläge und plötzlich die große Leere – die Kinder sind aus dem Haus, die Sorge bleibt. Das Ende des Erwerbslebens naht, was dann?
Nie waren die Rentner so gesund, so mobil, endlich ist Zeit für das, was immer zu kurz kam. Noch werden sie gebraucht als Großeltern, als Ratgeber, als helfende Hand. Wann kippt das, wann müssen wir unsere Bedürftigkeit zugeben, treffen wir Fehlentscheidungen, wird der Berg des Unerledigten immer größer, wann muss uns jemand an die Hand nehmen, vielleicht auch etwas aus der Hand nehmen, Entscheidungen für uns treffen?

Eine Frau, die ich kannte, nahm bis zu ihrem 96. Jahr intensiv am Leben teil, geistig vollkommen klar und aufrecht, dann beschloss sie, zu „verlöschen“ und konnte sich wirklich nach wenigen Wochen des Sich-Fallen-Lassens bewusst von ihren Lieben und vom Leben verabschieden. Das können wir uns wünschen, aber wir wissen nicht, ob es uns gelingen wird.

Nicht lange, und wir selbst werden „die Alten“ sein. Nichts, was uns jetzt unverzichtbar scheint, ist dann selbstverständlich – Joggen und Fahrrad fahren, Konzerte singen und besuchen, die Gartenarbeit, mal eben in den Keller gehen.

Ziehen wir in Betracht, dass wir eines Tages nicht mehr sein werden? Schaffen wir es, auszusortieren, zu erzählen, aufzuschreiben, Photos zu beschriften, oder verdrängen wir das nahende Ende so erfolgreich, dass irgendwann unsere Kinder mit allem zurückbleiben?
Nichts können wir mitnehmen, allenfalls ein paar symbolische Briefe oder Gegenstände, die unsere Hinterbliebenen uns mitgeben möchten. Alles, was wir am Ende nicht losgelassen oder verschenkt haben, ist zu viel. Es ist schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um abzugeben. Was wir zu lange aufbewahren, wird nach und nach zu Ramsch.
Wer mit 80 noch hortet, hat entweder nicht verstanden oder meint es nicht gut mit seinen Nachkommen.

Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr singen, tanzen, helfen können? Was bleibt, wenn die Eitelkeit sich als das entpuppt, was sie ihrem ursprünglichen Wortsinn nach bedeutet – Vergänglichkeit, Nichtigkeit?

Ich habe miterlebt, wie aus Menschen meines jetzigen Alters gebrechliche Senioren geworden sind und beobachtet, auf wie unterschiedliche Weise sie gegen das Älterwerden kämpfen.
Es ist schmerzhaft, sich einzugestehen, dass auch wir „die Alten“ sein werden, früher oder später. Es tut weh, sich zu identifizieren mit den grauen, tüdeligen Gestalten, aber sie haben ganz viel mit uns zu tun.

Jetzt heißt es, Frieden zu schließen, Fragen zu stellen und anzuerkennen, dass „die Alten“ ihr langes Leben so gut gelebt haben wie es ihnen möglich war, mit dem, was sie selbst als Kriegskinder autoritärer, überforderter Eltern mit sich herumgetragen haben, mit ihren Ängsten und Unsicherheiten. Sie haben viel erreicht und sie haben auf ihre Weise versucht, die Welt besser zu machen. Sie haben ihr Bündel getragen, sie haben Verzicht geleistet, ihre Talente trotzdem soweit es möglich war, ausgelebt, Beziehungen geführt, Kinder in die Welt gesetzt und Menschen geholfen.
Sie haben Fehler gemacht, sie haben uns verletzt, aber jetzt sind sie schwach und einsam. Sie haben versucht, intensiv zu leben und glücklich zu sein, sie haben sich nach Wertschätzung gesehnt, und sie haben ihre Sache ja gut gemacht!

Am Schluss des berührenden Filmes „Still Alice“ sitzt Alice mit ihrer Tochter auf einer Bank, verwirrt und gebrechlich, aber das letzte ihr verbliebene Wort ist „Love“!

Und plötzlich sind uns „die Alten“ doch nah und wir können wie Dorothee Sölle sagen:
„Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“