Weihnachten

19.12.2023

Ein Kind kennt noch keine Traditionen. Ein Kind kann nicht vergleichen, ein Kind erwartet nichts, ein Kind bewertet nichts, es erlebt alles zum ersten Mal und staunt.

Advent, das war der Adventskranz, dessen Kerzen umschichtig angezündet wurden, damit sie gleichmäßig abbrannten.
Advent, das waren die Papp-Kalender mit kleinen Schokoladenstückchen. Bunte Bilder vom Weihnachtsmann mit Sack, geschmücktem Baum und erleuchteten Straßen, mit Schnee und Sternen und mit rotwangigen Kindern. Die 24 war eine Doppeltür, hinter welcher sich ein großer Schokoladenstern verbarg. Eigentlich hätte man den Kalender wohl vor einer Kerze aufstellen sollen, dann hätte jeden Tag ein wenig mehr Licht durch die geöffneten Fenster leuchten können, auf deren durchscheinendem Plastik bunte Bildchen zu sehen waren, das geschah aber nie.
Weihnachten, das war der Weihnachtsbaum mit elektrischen Kerzen, silbernen Kugeln und Lametta, in Bündeln über die Zweige geworfen – es musste schnell gehen. Spätestens am 27. Dezember wurde der Baum wieder abgebaut, dann war es genug mit Weihnachten. Wir liefen durch die Straßen und sammelten das Lametta auf den ausrangierten Tannen ein. Ab und zu fanden wir kleine Schätze – einen Kerzenhalter oder einen übersehenen Engel.
Heiligabend, das waren Tante Lotte und Onkel Willi, Oma Lilo und Onkel Walter mit der dicken Zigarre, auch mal Oma und Opa aus Rotenburg. Spätestens um 14.30 Uhr trafen die Gäste ein, damit sie vor dem Dunkelwerden noch ein Taxi nach Hause nehmen konnten.
Weihnachten, das war „Ihr Kinderlein, kommet“. Drei Strophen waren „Pflicht“, damit wir das geschmückte Wohnzimmer betreten durften, von Papa am Klavier oder Mama am Akkordeon begleitet.
Weihnachten, das waren der „Bunte Teller“ und Geschenke.
Wintermäntel, Stiefel oder andere praktische Dinge, die wir dringend benötigten, gab es schon zum Nikolaus, damit sie nicht bis Weihnachten ungenutzt im Schrank lägen. Heiligabend hatte dann jeder seinen Sessel, auf welchem Stapel von Päckchen lagen, die in Windeseile aufgerissen wurden. Die Bescherung war innerhalb von Minuten erledigt, allerdings wird immer wieder gern von dem Fest erzählt, als der kleine Bruder drei Mandarinen verzehrte, bevor er sich den Paketen zuwandte.
Weihnachten war irgendwie immer schon am Heiligen Abend um 17 Uhr vorbei.
Glücklicherweise gab es Bücher zum Abtauchen und Barbiepuppen.
Eines Tages, ich muss wohl 12 gewesen sein, erfuhr ich, dass Andere am Heiligen Abend in die Kirche gingen. Auf meinen Wunsch hin nahm der Vater mit uns Kindern an einem überfüllten Gottesdienst teil, es blieb aber bei dem einmaligen Ereignis.

Silvester wurden wir kurz vor Mitternacht geweckt und durften das Feuerwerk anschauen. Ich hatte fürchterliche Angst vor dem Geknalle und fragte, warum das denn sein müsse. Arglos erklärte meine Mutter, man wolle damit die bösen Geister vertreiben.
Mich durchzuckte die schreckliche Erkenntnis, dass ich ein böser Geist sei und das Feuerwerk dazu da, mich zu verjagen. Lange hatte ich Sorge, jemand könnte meine Furcht bemerken und entdecken, dass sich ein böser Geist in der Familie versteckt hatte!

Im Teenageralter begann ich im August, Listen zu schreiben, wem ich was schenken wollte, und dann wurden Kalender gebastelt, Pullover, Strümpfe oder sogar Fingerhandschuhe gestrickt, Marmeladen gekocht und Pralinen gefertigt.
Der kleine Bruder erheiterte die Familie meist mit „Gutscheinen für ein Weihnachtsgeschenk“. Ich vermute, dass einige davon in irgendwelchen Schubladen bis heute auf ihre Einlösung warten. Allerdings gelang es dem kleinen Bruder als er größer wurde, auf seinen Beutezügen am 23. Dezember die spektakulärsten Präsente zu entdecken, die meine mehr oder weniger kunstvollen Sinnlosigkeiten erfolgreich überstrahlten.

Eine Zeitlang waren wir Weihnachten zu viert, da saßen wir mit aufgebackenem Baguette vom Vortag und Käse auf dem Wohnzimmerboden und schauten unweihnachtliche Super-8-Filme, dabei sind mir zwei Filme besonders in Erinnerung: Ein Dick-und-Doof-Film, in welchem jemand ohne es zu bemerken einen Sektkorken verspeist, der beim Öffnen der Flasche auf seinen Löffel geflogen ist. Diese Szene musste mein Vater vor- und zurücklaufen lassen, damit der Korken immer aufs Neue verschluckt und ausgespien wurde, was jedes Mal große Heiterkeit auslöste. Und es gab einen Familienfilm von 1968, der kleine Bruder entweder essend oder hinfallend, ich mit einer unmöglichen weißen Kunstpelzmütze und peinlichen Grimassen. Der Vater fragte entrüstet: „Wo ist eigentlich der Pullover?“ Die Mutter muss seinen Lieblingspullover nach 25 Jahren heimlich entsorgt haben. Dass mein Vater wie Loriot aussieht, ist vielleicht kein Zufall.

Weihnachten, das war auch der Heringssalat von Gustav Knuth, den niemand mehr wollte, sobald die Mutter ihn nicht mehr selbst herstellen konnte. Wenn meine Familie gedacht haben sollte, dieser Kelch gehe an ihnen vorüber, haben sie sich aber getäuscht: Das Rezept habe ich mir listigerweise schon vor Jahren geben lassen, und den Salat gibt es jetzt als Weihnachtsgeschenk.

Als ich 1988 meinen späteren Mann kennenlernte, erlebte ich Weihnachten ganz neu. Durch die Begegnung mit dem Othmarscher Bildungsbürgertum erfuhr ich, dass es klassische Weihnachtstraditionen gab.
Vor dem Totensonntag Adventsschmuck aufzuhängen war undenkbar, und niemals hätte man dort die Kerzen des Adventskranzes alle auf einmal entzündet.
Der Baum trug echte Kerzen. Für den Heiligabend gönnte man sich sogar einen Satz Bienenwachskerzen, die mit der Wasserwaage ausgerichtet wurden, über jeder Kerze mindestens 50cm Luft, damit der Baum keinen Fall Feuer finge. Als Kompromiss zwischen der Mutter, die Lametta unmöglich fand und dem Vater, für den dieses unverzichtbar war, wurden vereinzelte Aluminiumfäden diskret und sparsam zwischen den jahrelang gesammelten hochwertigen Holzanhängern verteilt, beim Abschmücken des Baumes wieder eingesammelt und sorgsam im Karton verstaut für das nächste Jahr.
Nach dem Kirchgang zelebrierte man das Fondue mit selbstgemachten Saucen nach alten Familienrezepten. Erst dann wurden die Geschenke eines nach dem anderen verteilt und unter Bewunderung der ganzen Familie geöffnet, für jede gute Gabe bedankte man sich überschwänglich beim Schenkenden.

Advent und Weihnachten, das war jahrzehntelang untrennbar mit dem Singen verbunden.
„Das Weihnachtsoratorium“ – frustriert neben den Altistinnen sitzend, die eine Arie nach der anderen sangen, abgespeist mit dem „Fürchtet euch nicht“ des Engels und einem Duett, kämpfend um den Choral „Er ist auf Erden kommen arm“ und das kleine Rezitativ nach der „Hirtenarie“, frohlockend, wenn es die Teile 4 bis 6 gab, wo der Sopran sich austoben kann und die Altistin „Schweigegeld“ bekommt.
Händels „Messias“ – eine halbe Stunde warten vor dem ersten Ton, die schreckliche Sorge, dass die Stimme nicht anspringt, nachdem die Kollegen schon so professionell vorgelegt haben.
Das Weihnachtsoratorium von Saint-Saens – Schwelgen in den herrlichen Klängen, Bangen ums hohe C.

Krippenandachten, Silvesterkonzerte, Jahresendjubel. „Exsultate, jubilate“ um Mitternacht in St. Katharinen und Neujahr morgens im Michel, 23 Auftritte allein im Dezember, in allen Hauptkirchen, aus dem letzten Loch pfeifend, um Erkältungen herumsingend.

Die Entscheidung, am 1. Weihnachtstag morgens kein Engagement mehr anzunehmen, das Beisammensein mit den Lieben wird wichtiger als die Auftritte.

Im Michel nicht mehr gefragt werden, der Schmerz und die Entdeckung, dass ich ja trotzdem hingehen kann. Als Gottesdienstteilnehmerin Händels „Halleluja“ mitsingen, um mich herum viele bekannte Gesichter, die mit mir jauchzen.
Die erste Adventszeit ganz ohne eigene Konzerte, entspannt mit Backen, Basteln und viel Muße zum Lesen und Schreiben.
Konzerte der Tochter besuchen und neue Traditionen schaffen: Andere beim Singen begleiten – im Torhaus oder im Garten am 26. Dezember.

Im Laufe der Jahre hat sich die „Besetzung“ des Weihnachtsfestes immer wieder gewandelt. Omas und Opas, alte Tanten und Onkels wurden nach und nach verabschiedet, Partner, Schwiegerfamilie und Kinder kamen dazu und teils wieder abhanden.
Die Kinder sind groß. Jahr für Jahr sind wir dankbar, dass ihre Großeltern noch dabei sind, aber es ist absehbar, dass wir „eine Reihe vorrücken“ werden. Etliche unserer Freunde sind schon Großeltern, da entstehen neue Traditionen, verbinden sich weitere Familien.

Weihnachten – das sind Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, hohe Erwartungen und herbe Enttäuschungen.
Weihnachten – da leben wir von Mahlzeit zu Mahlzeit, zelebrieren genussvollen Menüs oder hangeln uns von einer Völlerei zur nächsten. Dass der Advent ursprünglich Fastenzeit war, ist irgendwie untergegangen.
Weihnachten – das sind große Geschenke oder einfühlsame Kleinigkeiten, wenn wir Pech haben auch Ausrangiertes oder Weiterverschenktes.
Weihnachten könnte eigentlich auch unter Verzicht auf exzessiven Konsum und Geschenkeschlacht funktionieren, aber am Ende macht es uns doch Freude, unsere Lieben zu beschenken.
Weihnachten merken wir, wo und mit wem wir uns zu Hause fühlen.
Weihnachten erleben wir die Familie besonders intensiv in ihrer Harmonie und ihrer Innigkeit oder auch mit ihren offenen oder verdeckten Zwistigkeiten.
Weihnachten ist jedes Jahr eine Bestandsaufnahme, wer dazugekommen, wer noch dabei ist und wen wir verabschieden mussten.
Weihnachten – das ist die Sehnsucht nach Bullerbü! Die Kinderschar, die im Kerzenschein um den Weihnachtsbaum tanzt, leuchtende Kinderaugen, willkommene, weil benötigten Gaben, der Großvater in der Ecke, liebevoll zubereitete Speisen, Schnee und Glockengeläut, Fürsorge für die  Bedürftigen, Frieden und Harmonie.
Weihnachten sehnen wir uns nach der heilen Welt und empfinden besonders schmerzlich, wenn diese nur Fassade ist.
Weihnachten spüren wir mehr denn je, wenn wir uns einsam fühlen – allein oder im Kreise Vieler.
Weihnachtsstress oder freudige Vorbereitung, Weihnachtsflucht oder Geschenkeflut, Hektik oder Besinnlichkeit.
Weihnachten – das heißt, Traditionen zu bewahren, sich in Familienrituale einzufügen oder sich ihnen zu entziehen und eigene Bräuche zu schaffen.

Und last but absolutely not least –
Weihnachten – das ist Jesu Geburt, das Fest der Liebe und des Friedens.
Welches Geschenk, welche Geborgenheit könnte größer sein!

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