Weihnachten

Ein Kind kennt keine Traditionen, ein Kind kann nicht vergleichen, ein Kind erwartet nichts, ein Kind bewertet nichts, es erlebt alles zum ersten Mal und staunt.

Advent – das war der Adventskranz, dessen Kerzen umschichtig angezündet wurden, damit sie gleichmäßig abbrannten.
Advent – das waren die Papp-Kalender mit den kleinen Schokoladenstückchen, bunte Bilder vom freundlichen Weihnachtsmann mit roten Bäckchen und Sack, geschmückten Bäumen, erleuchteten Straßen, strahlenden Kindern und natürlich mit Schnee und Lichtern. Die 24 war größer als alle anderen Türchen, eine Doppeltür, hinter welcher sich ein großer Stern verbarg. Eigentlich hätte man den Kalender wohl aufstellen sollen, dann hätte jeden Tag ein wenig mehr Licht durch die geöffneten Fenster leuchten können, auf deren durchscheinendem Plastik kleine bunte Bildchen zu sehen waren, das geschah aber nie.
Weihnachten, das war der Weihnachtsbaum, mit elektrischen Kerzen, silbernen Kugeln und Lametta in Bündeln. Spätestens am 27. Dezember wurde er wieder abgebaut, dann war es genug mit Weihnachten, wir liefen durch die Straßen und sammelten das Lametta von den ausrangierten Tannen ein. Ab und zu fanden wir kleine Schätze – einen Kerzenhalter oder einen übersehenen Engel.
Heiligabend, das waren „die Alten“, die in wechselnder Besetzung kamen – Tante Lotte und Onkel Willi, Oma Lilo und Onkel Walter mit der dicken Zigarre, auch mal Oma und Opa aus Rotenburg. Spätestens um 14.30 Uhr traf der Besuch ein, damit alle vor dem Dunkelwerden noch ein Taxi nach Hause nehmen konnten.
Weihnachten, das war „Ihr Kinderlein, kommet“, drei Strophen waren „Pflicht“, damit wir das geschmückte Wohnzimmer betreten durften, von Papa am Klavier oder Mama am Akkordeon begleitet.
Weihnachten, das waren der „Bunte Teller“ und Geschenke. Immer wieder wird erzählt, dass der kleine Bruder drei Mandarinen verzehrte, bevor er sich den Päckchen zuwandte.
Wintermäntel, Stiefel oder andere praktische Dinge, die wir dringend benötigten, gab es schon zum Nikolaus, damit sie nicht bis Weihnachten ungenutzt im Schrank lägen. Heiligabend hatte dann jeder seinen Platz, an welchem er die Stapel von Paketen in Windeseile aufriss, die Bescherung war innerhalb von Minuten erledigt.
Im Teenageralter begann ich ab August, Listen zu schreiben, wem ich was schenken wollte und zu basteln oder zu stricken. Der kleine Bruder erheiterte die Familie jahrelang mit „Gutscheinen für ein Weihnachtsgeschenk“. Ich vermute, dass einige davon in irgendwelchen Kisten schlummern und bis heute auf ihre Einlösung warten, allerdings gelang es dem kleinen Bruder als er größer wurde, auf seinen Beutezügen am 23. Dezember die spektakulärsten Präsente zu entdecken, die meine mehr oder weniger kunstvollen Sinnlosigkeiten erfolgreich überstrahlten.

Weihnachten, das waren aufgebackene Brötchen und Käse, aber vor allem der Heringssalat von Gustav Knuth, den aber sobald die Mutter ihn nicht mehr selbst herstellen konnte, niemand mehr wollte. Das Rezept habe ich mir in weiser Voraussicht listigerweise schon vor einigen Jahren geben lassen. Wenn meine Familie gedacht haben sollte, dieser Kelch gehe an ihnen vorüber, haben sie sich getäuscht – ich verteile den Salat jetzt als Weihnachtsgeschenk.

Weihnachten war irgendwie immer schon am Heiligen Abend ab 17 Uhr vorbei.
Glücklicherweise gab es Bücher zum Abtauchen, Barbiepuppen und Fischertechnik.
Eines Tages, ich muss wohl 12 gewesen sein, erfuhr ich, dass Andere am Heiligen Abend in die Kirche gingen. Auf meinen Wunsch hin nahm der Vater mit uns an einem überfüllten Gottesdienst teil, während die Mutter das Fest vorbereitete, ich glaube, das war das erste Mal, dass ich überhaupt eine Kirche betrat, es blieb aber bei dem einmaligen Ereignis – ein Kirchenbesuch, ließ sich nicht gut mit den Gästen verbinden.

Silvester wurden wir kurz vor Mitternacht geweckt und durften das Feuerwerk anschauen.
Ich hatte fürchterliche Angst vor dem Geknalle und fragte, warum das denn sein müsse – arglos erklärte meine Mutter, man wolle damit die bösen Geister vertreiben.
Mich durchzuckte die schreckliche Erkenntnis, dass ich ein böser Geist sei und das Feuerwerk dazu da, mich zu verjagen. Lange hatte ich Sorge, jemand könnte meine Furcht bemerken und entdecken, dass sich ein böser Geist in der Familie versteckt hatte!

Als ich 1988 meinen späteren Mann kennenlernte, erlebte ich Weihnachten ganz neu.
Am Heiligabend trafen wir uns um 15 Uhr bei seinen Eltern zum Kaffeetrinken, um 17 Uhr spielte sein Vater die Orgel im Gottesdienst, dazu durfte ich singen, anschließend ging mein Freund nach Hause, um dort Fondue mit selbstgemachten Saucen nach alten Familienrezepten zu genießen, ich besuchte meine Familie zum üblichen Heringssalat.
Wie gewohnt, verlief unser Teil des Weihnachtsfestes unkonventionell – wir lümmelten mit unserem Baguette auf dem Wohnzimmerboden und schauten unweihnachtliche Super-8-Filme, dabei sind mir zwei Filme besonders in Erinnerung: Ein Dick-und-Doof-Film, in welchem jemand in Gedanken einen Sektkorken verschluckt, der beim Öffnen der Flasche auf seinen Löffel geflogen ist, diese Szene musste mein Vater mehrmals  vor- und zurücklaufen lassen, damit der Korken immer aufs Neue verschluckt und ausgespien wurde, was jedes Mal große Heiterkeit auslöste, und es gab einen Kinderfilm von 1968, der kleine Bruder entweder essend oder hinfallend, ich mit einer unmöglichen Kunstpelzmütze und peinlichen Grimassen oder Faxen, und der Vater fragte entrüstet: „Wo ist eigentlich der Pullover?“ – meine Mutter muss seinen Lieblingspullover nach 20 Jahren heimlich entsorgt haben, das fiel ihm plötzlich auf. Dass mein Vater wie Loriot aussieht, ist vielleicht kein Zufall.
Ein großes Hallo gab es, als die Mutter eines Tages einen ungeheuren Korb mit Paketen präsentierte, alle mit Namen versehen, die eines nach dem anderen verteilt wurden und die Tchibo-Weihnachts-Kollektion enthüllten. Vor allem die praktischen Haushaltsgegenstände und die grauen Fleecepullover in Größe XXL für den Vater und den inzwischen nicht mehr so kleinen Bruder wurden mit viel Juchhu ausgepackt
Hochwertige Restposten eines anspruchsvollen Buchversandes wie ein 1000-seitiges, an die 5 kg schweres Kunstlexikon für die Tochter hatte der Vater beigesteuert.

Durch die Begegnung mit dem Othmarscher Bildungsbürgertum entdeckte ich, dass es klassische, gewissermaßen allgemeingültige Weihnachtstraditionen gab. Niemals hätte man dort die Kerzen des Adventskranzes alle auf einmal entzündet, der Gottesdienst war selbstverständlich, eine Bescherung vor dem Kirchgang undenkbar. Die Geschenke wurde eines nach dem anderen verteilt und unter dem Oh! Und Ah! der ganzen Familie geöffnet, für jede gute Gabe bedankte man sich überschwänglich beim Schenkenden.
Das gemeinsame Essen fand natürlich abends statt, am Baum mit echten Kerzen. Für den Heiligabend gönnte man sich sogar einen Satz echter Bienenwachskerzen, die mit der Wasserwaage ausgerichtet wurden, über jeder Kerze mindestens 50cm Luft, damit der Baum keinen Fall Feuer finge. Als Kompromiss zwischen der Mutter, die Lametta unmöglich fand und dem Vater, für den dieses unverzichtbar war, wurden vereinzelte Aluminiumfäden diskret und sparsam zwischen den jahrelang gesammelten hochwertigen Holzanhängern verteilt, beim Abschmücken des Baumes wieder eingesammelt und sorgsam im Karton verstaut für das nächste Weihnachtsfest.
Da mein Freund Mitglied des Chores in der Hauptkirche St. Katharinen war, war es für ihn unverzichtbar, dort noch um 23 Uhr zu singen, und so trafen wir beide uns weit nach Mitternacht für unsere Bescherung.

Das Ganze war so stressig wie es klingt und wurde gekrönt, als ich begann, viele Jahre lang am 25. Dezember morgens im Michel die „Krönungsmesse“ von Mozart zu singen.

Advent und Weihnachten, das war jahrzehntelang untrennbar mit dem Singen verbunden – natürlich „das Weihnachtsoratorium“, in der ersten Jahren frustrierend, unbeschäftigt neben den Altistinnen zu sitzen, die eine Arie nach der anderen sangen, mit dem „Fürchtet euch nicht“ des Engels und einem Duett abgespeist, um den Choral „Er ist auf Erden kommen arm“ und das kleine Rezitativ nach der „Hirtenarie“ kämpfend, frohlockend, wenn es die Teile 4 bis 6 gab, wo der Sopran sich austoben kann und die Altistin „Schweigegeld“ bekommt – später gehörte es zu meinem Weihnachtsgefühl dazu, entspannt den wunderbaren Alt-Kolleginnen zu lauschen.
Händels „Messias“, eine halbe Stunde warten vor dem ersten Ton, beim ersten Mal die schreckliche Sorge, dass die Stimme nicht anspringt, nachdem die Kollegen schon so professionell vorgelegt haben, später das erleichternde Gefühl: Jetzt kann ich es wirklich!
Das Weihnachtsoratorium von Saint-Saens, Schwelgen in den herrlichen Klängen, Bangen ums hohe C.
Silvesterkonzerte, Jahresendjubel, „Exsultate, jubilate“ um Mitternacht in St. Katharinen und gleich am nächsten Morgen im Michel, 23 Auftritte allein im Dezember, in allen Hauptkirchen, aus dem letzten Loch pfeifend, um Erkältungen herumsingend.
Das erste Jahr, in dem ich gar nicht mehr im Michel sang, der Schmerz und die Entdeckung, dass ich ja trotzdem hingehen kann – als Gottesdienstteilnehmerin beim „Halleluja“ zum Mitsingen, um mich herum lauter bekannte Gesichter, die mit mir jauchzten.
Die Entscheidung, am 1. Weihnachtstag morgens kein Engagement anzunehmen, nun ist das Beisammensein mit den Lieben wichtiger als das Auftreten, der erste Advent ohne auch nur ein einziges Konzert, entspannt mit Kekse backen, Basteln und viel Muße zum Lesen und Schreiben, Konzerte der Tochter besuchen.

Die Suche nach dem perfekten Weihnachtsfest geht immer weiter.
Der Adventsschmuck wird niemals vor dem Totensonntag aufgehängt, die Kerzen des Adventskranzes werden eine nach der anderen am Vorabend des jeweiligen Adventssonntages um 18 Uhr entzündet. Maria und Josef beginnen ihren Weg zur Krippe am 1. Advent, Heiligabend dort ankommend, nach dem Gottesdienst liegt – o Wunder! – das Kind in der Krippe, der Engel steht dahinter und die Heiligen Drei Könige machen sich auf die Reise, um am 6. Januar beim Jesuskind einzutreffen. Erst danach wird der Baum abgeschmückt.
Seit Jahren begleitet mich in dieser Zeit „Der Andere Advent“. Falls jemand diesen besonderen Kalender nicht kennen sollte – ein echtes Muss!

Im Laufe der Jahre hat sich die „Besetzung“ des Weihnachtsfestes immer wieder gewandelt, der Kreis wurde mal größer, mal kleiner. Großeltern und alte Tanten und Onkels sind nach und nach ausgeblieben, Partner, Schwiegereltern, Schwägerin und Kinder dazu- und teils wieder abhanden gekommen.
Die Kinder sind größer geworden, Jahr für Jahr sind wir dankbar, dass ihre Opas und Omas noch dabei sind, vielleicht rücken wir bald wieder „eine Reihe vor“. Etliche unserer Freunde sind schon Großeltern, dann entstehen neue Traditionen, verbinden sich neue Familien.

Weihnachten – das sind Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, hohe Erwartungen und herbe Enttäuschungen, Gepflogenheiten oder unantastbare Rituale.
Weihnachten – da leben wir von Mahlzeit zu Mahlzeit, zelebrieren genussvolle Menüs oder hangeln uns von einer Völlerei zur nächsten. Dass der Advent ursprünglich Fastenzeit war, ist irgendwie untergegangen.
Weihnachten – das sind große Geschenke oder einfühlsame Kleinigkeiten, wenn wir Pech haben auch gedankenlose Gaben, Missgriffe, Ausrangiertes oder Weiterverschenktes.
Weihnachten könnte ja eigentlich auch unter Verzicht auf exzessiven Konsum und Geschenkeschlacht funktionieren, aber am Ende macht es uns doch Freude, unsere Lieben zu bedenken.
Weihnachten merken wir, wo und mit wem wir uns zu Hause fühlen.
Weihnachten erleben wir die Familie besonders intensiv in ihrer Harmonie und ihrer Innigkeit oder auch mit ihren offenen oder verdeckten Zwistigkeiten.
Weihnachten ist jedes Jahr eine Bestandsaufnahme, wer dazugekommen, wer noch dabei ist und wen wir verabschieden mussten.

Weihnachten – das ist die Sehnsucht nach Bullerbü, nach der Kinderschar, die im Kerzenschein um den Weihnachtsbaum tanzt, nach leuchtenden Kinderaugen, willkommenen, weil benötigten Gaben, möglichst selbstgemacht, nach dem Opa in der Ecke, nach liebevoll zubereiteten Speisen, nach Schnee und Glockengeläut, nach freundlichen Nachbarn, Fürsorge für die Bedürftigen, Frieden und Harmonie.
Weihnachten sehnen wir uns nach der heilen Welt und empfinden besonders schmerzlich, wenn diese nur Fassade ist.
Weihnachten spüren wir mehr denn je, wenn wir uns einsam fühlen – allein oder im Kreis Vieler.
Weihnachtsstress oder freudige Vorbereitungen, Weihnachtsverweigerung oder Höhepunkt des Jahres, Weihnachtsflucht oder Geschenkeflut, Hektik oder Besinnlichkeit –
Weihnachten – das heißt, Traditionen zu bewahren, sich in Familienrituale einzufügen oder sich dem zu entziehen und eigene Bräuche zu schaffen.
Und last but not absolutely not least –
Weihnachten – das ist Jesu Geburt, das Fest der Liebe und des Friedens, welches Geschenk, welche Geborgenheit könnte größer sein!