Wehmut

Ich kann wohl manchmal singen,
Als ob ich fröhlich sei,
Doch heimlich Tränen dringen,
Da wird das Herz mir frei.

Es lassen Nachtigallen,
Spielt draußen Frühlingsluft,
Der Sehnsucht Lied erschallen
Aus ihres Kerkers Gruft.

Da lauschen alle Herzen,
Und alles ist erfreut,
Doch keiner fühlt die Schmerzen,
Im Lied das tiefe Leid

Niemand kennt des Sängers tiefstes verborgenes Inneres.
Keiner ahnt hinter dem schönen Klang die Trauer, die Sehnsucht und das Leid, dieses Mal nicht nur Liebesleid, sondern echter Schmerz, verborgen und abgrundtief, kein allseits vernehmbares Gejammer, sondern stilles, einsames Leiden.

Was registriert der Lauschende
Sucht er seichte Unterhaltung, will er aus seinem eigenen belastenden Alltag fliehen in die vermeintlich heile Welt der Kunst
oder möchte der Beobachter in der Kunst Abgründe erfahren, die ihm in seinem eigenen bequemen Leben nicht begegnen
Erlebt er eine Intensität der Gefühle wie sonst nie oder lässt er sich nur berieseln

Ist das, was nur schön ist, überhaupt Kunst
Soll Kunst beglücken oder aufrütteln
berührt das Helle oder das Schwere

Ist der glatte Schönklang oberflächlicher Kitsch
Die Kunst soll die Menschen „in eine bessre Welt entrücken“ –
ist damit eine heile Welt gemeint, ein Happyend
oder soll der Kunstschaffende das Leid der Welt abbilden und transportieren
Ist nur das Traurige, das Tragische tief
Ist es nicht viel schwerer, Heiterkeit zu verbreiten als Schwermut
Strahlt der Künstler Fröhlichkeit aus, auch wenn das Herz ihm bricht
ist er der Clown, der unter seiner Maske weint

Ein berühmter Sänger sprach von den Tränen in der Stimme, wie überträgt sich die Tiefe der Empfindung?
Eine nicht fassbare Färbung, eine nicht messbare Frequenz bewirkt beim empfänglichen Zuhörer den ersehnten Schauer, die Gänsehaut, das gewisse Etwas, nicht erklärbar, nicht greifbar, wie der besondere Ton der Geigen von Stradivari, ein Klang, der eine nie gekannte Welt zu eröffnen vermag, der Tränen fließen lässt.

Die augenblickliche Verfassung des Künstlers ist dabei völlig unerheblich. Es interessiert den Zuhörer nicht, ob es dem Ausführenden auf der Bühne schlecht geht. Das Publikum möchte nicht damit konfrontiert werden, dass der Künstler in oder an seinem privaten Leben leidet – wichtig ist das, was er erlebt und bewältigt hat, eine professionelle Distanz zu den Erfahrungen, die künstlerische Überhöhung des Kummers. Nicht Lamentieren über private Sorgen, sondern kreativ aufgearbeitete Seelenqual ist gefragt.

Einen solchen magischen Moment zu erleben, in welchem etwas geschieht, das sich der rationalen Wahrnehmung entzieht, Sternstunden für Ausübende und Zuhörer, dafür leben wir Künstler.

Konzertreise nach Rom im Herbst 2009
Santa Maria dell’anima
verborgen in einer Seitenstraße
Ein Gebäude, so prächtig, dass sie in anderen Städten zum Wallfahrtsort würde
Hier nur eine von unendlich vielen Prachtbauten
Zwei Straßen weiter kann uns niemand sagen, wo man die Kirche findet.

Abendgottesdienst
Zum Abschluss das Ave Maria von Caccini
Quintfallsequenzen, ein schlichtes Harmonieschema
Häufig verwendet, vor allem von Vivaldi
Verfehlt nie seine Wirkung
So oft, wenn ich Musik höre und denke: Oh, wie schön,
handelt es sich gerade um fallende Quinten.

Hier auf die Spitze getrieben
Drei Worte:
„Ave Maria, Amen“ 
Kaum kann man von „Melodie“ sprechen
Lang gehaltene Töne
Reduzierter kann Musik kaum sein

Ja ich weiß
Das Werk ist gar nicht von Caccini
In den 1970er Jahren von einem Russen geschrieben

In dieser Kirche geschieht plötzlich etwas
Mit diesen wunderbaren Menschen
In dieser besonderen Kirche
Auf dieser intensiven Reise

Nie habe ich so viele wunderschöne Frauen gesehen
Nicht mehr ganz jung
Kämpfen nicht gegen das Älterwerden
Mit grauen Haaren und Lachfältchen
Frauen, die wirklich die Bezeichnung „tolle Frau“ verdienen
Der Dirigent und seine Frau
Ein wunderbares Paar

Intensive Begegnungen
Gute Gespräche
Echte Herzlichkeit und Fröhlichkeit
Mit fast jedem aus dem Chor habe ich mich unterhalten
Beim Essen, im Bus, auf dem Weg zu Besichtigungen
Erfüllte Tage
Vertrautheit

Am Ende dieser einzigartigen Reise
Am Ende des Gottesdienstes
Auf der winzigen, verborgenen Empore
Ich kann dort gerade eben stehen
Sehe niemanden und werde von niemandem gesehen
Über mir das reich verzierte Gewölbe
Vor mir die Säulen und Bögen der Kirche
Vom ersten Ton meines Vortrages an geschieht etwas
Meine Stimme verbindet sich mit meiner Seele
Mit der Kirche
Mit den Menschen des Chores
Mit meinem ganzen Leben
Jeder Ton ist wie ein Gebet
Wie eine Botschaft des Himmels
Nie habe ich so viel gegeben
Mich nie so geöffnet
Nie war ich so frei, so klar wie in diesem Moment
Vier Minuten, die mein Leben verändern

Wiederholung
Ich verziere die Melodie
Die Varianten hatte ich morgens beim Erwachen plötzlich im Kopf Jetzt singe ich sie zum ersten Mal
Die Umspielungen nehmen die Harmonien auf
Reichern die schlichte Grundmelodie an
Gegen Ende schwingt sich meine Stimme in die Höhe
Füllt den gesamten Kirchenraum
Klar und warm, voll und tief
Beim Amen zittern mir die Knie
Habe alles gegeben
Meine Seele von innen nach außen gekehrt
Mich ganz entblößt

Wie soll ich da wieder herausfinden
Der Organist flüstert „danke“
In der Kirche ist es still
Totenstill
Niemand bewegt sich
Die sechs Priester sollten während meines Gesanges aus der Kirche ausziehen
Sie sind stehen geblieben, um zu lauschen.
Einen solchen Moment werde ich nie wieder erleben

Jetzt kann ich auf keinen Fall von der Empore herunter gehen
Ich warte in der atemlosen Stille
Kann mich kaum bewegen
Hoffe, dass alle gegangen sind
Nach endlosen Minuten wage ich mich dir Treppe hinunter
Alle sitzen noch auf ihren Plätzen
Niemand hat sich bewegt
Nackt und bloß muss ich durch den Chor gehen
Der Erste kommt auf mich zu und drückt mich wortlos
Eine Altistin umarmt mich mit Tränen in den Augen
So ein intensives gemeinsames Erlebnis
Nur in dieser Konstellation
Mit diesen wunderbaren Menschen
In dieser einzigartigen Kirche
Auf dieser besonderen Reise möglich

Der Dirigent wird später formulieren:
„Julia kann verzaubern – in Rom hat sie ein Ave Maria gesungen, da hat der ganze Chor weiche Knie bekommen und alle wollten sie heiraten.“

In diesem Moment tut er das einzige, was mir aus dieser magischen Stimmung heraus hilft
Nimmt mich fest in den Arm
„Du blöde Kuh!“
Das erdet
Löst die unerträgliche Spannung in Gelächter auf

Alle möchten diesen Moment noch einmal erleben
Bitte das Ave Maria im Gottesdienst!
Gleich am nächsten Morgen
Bin vollkommen überfordert
Die Knie zittern vom ersten bis zum letzten Ton
Wohl auch die Stimme
Die Erwartungen sind so hoch
Niemals kann ich dem gerecht werden
Nicht vorsätzlich eine solche Stimmung erzeugen
Wie ein Scharlatan komme ich mir vor
Jeder muss merken, dass ich gar nicht singen kann
Eigentlich konnte ich es noch nie wirklich
Nun werde ich es erst recht nie wieder können
Die Anderen merken nichts
Jemand hat den magischen Moment aufgenommen
Die Aufnahme bewahrt einen kleinen Abglanz
Ein wenig Atmosphäre


Drei Wochen später
Der schlimmste Einbruch
Die größte Blamage meines Lebens
C-moll-Messe von Mozart
Die anspruchsvolle Sopranpartien
Mein großer Traum
Die schönste Arie der gesamten Musikliteratur
„Et incarnatus est“
In meinem Inneren höre ich sie weich und klar
Zart und mit den Instrumenten verschmelzend

Dreimal bisher gesungen
Einmal im jugendlichen Leichtsinn völlig unreflektiert
Nach dem zweiten Konzert ein „Lob“
„So viele Farben – einige Töne klangen fast wie geschrien“
Ernsthaft als Kompliment gemeint
Drittes Konzert
Die Höhe läuft besser
„Wenn man die Augen schließt, ist es traumhaft schön
Aber man kann dich nicht anschauen“
Bei jedem hohen Ton der Kopf schief gelegt
Das Gesicht verzogen
Nun möchte ich bei dieser Arie schön klingen und schön aussehen

10 Monate Zeit zum Üben
Bisweilen eine Ahnung, wie die Arie klingen könnte
Dann wieder Verzweiflung
Meine Stimme ist in der Höhe nicht leicht genug
Ich will es unbedingt schaffen!

Das Konzert rückt näher
Ein einziger guter Tag im Sommer
Nehme die Klavierbegleitung auf
Begleite mich quasi selbst
Die Partie scheint in erreichbarer Nähe zu sein
Danach kann ich die Arie nie wieder ohne Pause durchsingen
In den Ensembles soll sich der erste Sopran jubelnd über die übrigen Stimmen schwingen
Teils im Wechsel, teils im direkten Vergleich mit dem zweiten Sopran
Das fällt mir nicht so leicht wie erhofft
Der Konzerttermin rückt näher
Ich blende die Realität erfolgreich aus
Werde immer verbohrter
Es muss doch einfach klappen
Ich habe doch so geübt!

Generalprobe
Hoffnung auf ein Wunder
Auf eine Sternstunde wie drei Wochen zuvor in Rom.

Der unvermeidliche, fürchterliche Absturz
„Julia – Incarnatus!“
Mir sackt das Herz in die Hose
Ich lausche dem herrlichen Vorspiel
Rutsche beim ersten Einsatz in die falsche Schiene
Schon das erste a‘‘ muss ich drücken
Das kann nicht gut gehen
Die Arie ist lang
10 endlose Minuten
Je länger sie dauert, desto aussichtsloser wird mein Kampf
Jedes a‘‘, jedes b‘‘ ist ein Kraftakt
Das eine c‘‘‘ kommt gar nicht
das andere drücke ich mit Gewalt heraus.

Peinlich betretenes Schweigen
So kann man das nicht machen
Man hört die Instrumente überhaupt nicht mehr
Das ist viel zu laut
Ein zweiter Durchgang in kleineren Abschnitten
Es wird nur schlimmer
Ohne ein weiteres Wort setzt der Dirigent die Probe fort

Es ist entsetzlich!
Ich bitte die zweite Sopranistin, das „Incarnatus“ im Konzert für mich zu singen

Großherzig übernimmt sie die Arie
Das hilft nichts
In den Ensembles sind mehr als genug hohe Passagen
Jeden höheren Ton drücke ich mit schräg gelegtem Kopf
Das Gesicht zu einer Fratze verzerrt
Der Fehler rutscht immer tiefer
Am Ende geht nicht einmal mehr ein g‘‘, dann kein f‘‘
ohne dass sich mein Kehlkopf unter die Schädeldecke presst

Vielen habe ich Bescheid gesagt
Viele sind gekommen, mich mit dieser herrlichen Partie zu hören
Das Kind hat einen Blumenstrauß mitgeschmuggelt
Versinkt vor Scham im Erdboden
„Mama, die haben sich die Ohren zugehalten!“

Der Chor singt schlecht
Der Dirigent ist wie versteinert
Der ganze Abend wird ein Fiasko.

Nur die 92jährige Lehrerin meines Vaters ist ehrlich berührt
Überglücklich und dankbar
So etwas Schönes hat sie schon lange nicht mehr erlebt
Seit Jahrzehnten kein Konzert mehr besucht

Das kann kein Trost sein
Ich bin am Boden zerstört
Ein Mensch hetzt, ich hätte für meine schlechte Leistung sogar noch Applaus bekommen
Man weicht mir aus
Ich selbst kann niemandem ins Auge blicken
Der Umschlag mit meiner Gage ist geöffnet
Einen Teil hat die zweite Sopranistin bekommen, die nun den größeren Part zu singen hatte
Mit unbewegter Miene verabschiedet sich der Dirigent
Ohne Kommentar
In dieser Kirche werde ich nie wieder singen

Der peinliche Auftritt spricht sich viel schneller herum als das berückende Ave Maria
30 Orchestermusiker, 70 Chorsänger und 500 Zuhörer
Die kommenden Monate sind ein Spießrutenlauf

Ich gehe in die Offensive
Streue Asche auf mein Haupt
Teils begegnet man mir mit Mitgefühl
Teils werde ich gemieden.

Am liebsten würde ich nie wieder auftreten
Überfordert mit der schnellen Abfolge des schönsten und des peinlichsten Auftrittes meines Sängerlebens
So schnell ist das Wunder von Rom erledigt
Der magischen Augenblick
Die Verbundenheit mit Gott und der Welt in Santa Maria dell’anima
Das Gefühl  des totalen Versagens übersteigt alles

Ich habe noch nie gut gesungen
Mich nur erfolgreich durchgemogelt
Meine Höhe war nie sicher
Die Stimme immer schrill
Wie ist es mir gelungen, mich 20 Jahre lang zu behaupten
44 Jahre alt
Das war’s wohl mit dem Konzerte singen
Niemand will mich jetzt noch hören

Aber ich bin eine Kämpferin
Zwei schmerzvolle, arbeitsame Jahre
Ganz von vorn anfangen

Grenzen erkennen
Repertoire umstellen
Ich muss nicht jedes Konzertangebot annehmen
Nicht jedes Stück irgendwie hinbekommen

Wo ist meine Nische?
Stimmqualität und Schönklang
Musikalität und Ausdrucksfähigkeit
Klarheit und Wärme
Die Menschen berühren mit meinem Gesang

„Ein Klang wie eine Stradivari“
„Du könntest einen Atheisten zum Glauben bekehren“
„Wenn man dich singen hört, kommt man dir näher“
Das ist es doch, was ich mir wünsche

Der Weg ist schmerzlich
Arbeit an Körper, Geist und Seele
Leben lernen
Das hört nie auf
Darf nie aufhören
Genau so soll es sein