Waldesgespräch

Es ist schon spät, es ist schon kalt,
Was reit‘st du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! Ich führ‘ dich heim!

„Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.“

So reich geschmückt ist Roß und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn‘ ich dich – Gott steh‘ mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.

„Du kennst mich wohl – von hohem Stein
Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!“

Die Hexe, männermordend und alle verschlingend, rachsüchtig, doch nicht ganz ohne Gefühl – sie versucht zumindest, den Verehrer zu warnen, bevor sie ihn auf Nimmerwiedersehen in ihre Arme zieht.
Die Verletzung der Loreley ist unheilbar, ihr Herz ist auf ewig gebrochen.
Niemand kann das Vertrauen wieder herstellen, das hinterlistig missbraucht wurde, niemand darf ihr mehr zu nah kommen.
Das Fehlverhalten des Einen wird zum Freibrief für die Rache am Rest der Männerwelt.
War der Reiter so aufdringlich, dass die Reaktion unter „Notwehr“ fällt?
Wie weit darf die Selbstverteidigung gehen?
Ist „ich habe dich doch gewarnt“ eine hinreichende Entschuldigung für alles Weitere?

Wie gehst du mit Menschen um, deren Zuneigung du nicht erwiderst
Wie reagierst du auf Avancen, die du nicht annehmen möchtest
Gibst du dich herzlich, um niemanden zu verletzen
Schürst du damit Hoffnungen, die du nicht erfüllen kannst
Wie weit trägt ein Flirt, wie konkret ist eine Kontaktaufnahme gemeint
Bleibt es beim Blick, beim Scherz, beim ersten Gespräch
Welches Bild machst du dir von deinem Gegenüber
Welche Eigenschaften denkst du in ihn hinein
Bist du auf der Suche nach dem Mann fürs Leben
oder brauchst du nur einen guten Freund
Sind deine Gefühle flüchtig oder beständig
Suchst du nur Spaß oder bist du zu tiefen Beziehungen fähig
Spielst du ein Spiel oder nimmst du die Gefühle des Anderen ernst

Du kommst um Verletzungen nicht herum, eigene oder die der Bewunderer Wer sichtbar auf der Suche ist, ist nicht attraktiv
Mancher kommt aus der Rolle der „allerbesten Freundin“ oder des Bruderersatzes nicht heraus
Wird nie als Mann oder Frau wahrgenommen
Verfällst du immer wieder denen, die es gar nicht verdient haben
die es genießen, angehimmelt zu werden, nicht aber Objekt ernsthafter Absichten sein wollen
oder verliebst du dich in die netten Kerle
Glücklich, wer sich früh findet und sich gemeinsam entwickelt
wem es dabei gelingt, miteinander lebendig und aufmerksam zu bleiben
Vergleichst du, wechselst du die Partner
Man tauscht nur die Fehler, hat eine Dame gesagt, die es wissen muss…

Wirst du im Laufe deines Lebens sensibler oder milder
Schärfst du den Blick für das, was in Kauf zu nehmen sich lohnt oder was gar nicht geht
Gelingt es, behutsam mit Menschen umzugehen und besser auf dich und dein Gegenüber zu achten
Ist dir bewusst, wie verletzlich die Seele deines Gegenübers ist
Man ist verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen

Sex – Erotik – Liebe
Körper – Geist – Seele
Unterleib – Kopf – Herz
Trieb – Sehnsucht – Erfüllung
Benutzen – Begehren – Verschmelzen
Läufige Hündin – Kapriziöse Wildkatze – Kuscheliges Kaninchen
Poledance – Tango – Pas de deux
Pornographie – Gedicht – Liebesroman
Fesseln – Federn – Fingerkuppen
Leder – Lingerie – Lippen
Verbundene Augen – laszive Blicke – Aug in Auge versinken
Von-hinten-von-vorn-von-oben-von-unten – spannungsvolle Distanz – Zärtlichkeit
Rausch, der immer stärkere Reize braucht und Leere hinterlässt – Verfeinerte, raffinierte Sinnlichkeit – Wärme, Nähe, Vertrautheit
Vögeln – Flirten – Lieben
Destruktiv – produktiv – konstruktiv
Geschäft – Spiel – Wahrheit
Was – wie – mit wem

Sänger –
Mick Jagger – Chet Baker – Art Garfunkel
Rock – Jazz – Pop
Marla Glen – Diana Krall – Mahalia Jackson
Und in der „Klassik“ –
Maria Callas, Jessye Norman oder Emma Kirkby
Luciano Pavarotti, Thomas Hampson oder Peter Schreier
Waltraud Meier, Elisabeth Schwarzkopf oder Arleen Auger
Oper, Lied oder Oratorium

Kleidung, Schminke, Haltung, Blicke – ob jemand Verbindung zu seinem Beckenboden hat, ist sichtbar und hörbar. Ein feuriger (Opern-) Sänger hat eine Beule in der Hose, eine leidenschaftliche (Opern-) Sängerin singt mit feuchtem Schlüpfer.
Wann begreifst du das als angehender Bühnenstar, wie gehst du damit um

Venus, Carmen oder Pamina, Don Giovanni, Almaviva oder Tamino
Tannhäuser wird zerrissen zwischen Venus und Elisabeth, die geschlechtslosen Kumpel-Typen wie Leporello oder Herzog Posa kommen als Liebhaber gar nicht in Frage.
Bisweilen erscheint die Liebe leicht und spielerisch, wie bei Papageno und Papagena, oder die schlichte Liebe der harmlosen Pärchen wie Masetto und Zerlina wird auf die Probe gestellt. Man spielt mit der Versuchung wie in Cosi fan tutte, lächelt milde und kehrt zum Alltag zurück, oder man zerbricht spektakulär wie Tristan und Isolde. Man macht sich lächerlich wie Falstaff, verzichtet weise wie Hans Sachs oder die Marschallin, leidet tapfer wie König Philipp oder rächt sich wie Othello.

Der Künstler, Sänger, Schauspieler ist umso authentischer und überzeugender, je tiefer er in sich sucht und findet. Unabhängig von privaten Lebensentscheidungen darf und muss er in sich nach verborgenen Leidenschaften suchen. Auf und hinter der Bühne bauen sich Spannungen auf, beabsichtigt oder nicht. Wo Menschen aufeinander losgelassen werden, fliegen die Funken. So manchem „Normalbürger“ fehlt vielleicht nur die Gelegenheit zum Drama.
Der Zuschauer genießt es, dass sich die Tragödien für ihn miterlebbar, aber in sicherer Distanz auf der Bühne abspielen, sodass er sich im Anschluss um neue Erfahrungen bereichert, von deren verheerenden Folgen aber unberührt aus seinem Sessel erheben und in seinen Alltag zurückkehren kann.
Der Zuhörer befriedigt mit Hilfe der Kunst seine Sehnsucht nach dem Exzessiven, ohne das Risiko des Scheiterns.

Erotik als wackelige Hängebrücke zwischen Liebe und Sex – gehst du hinüber oder bleibst du in der Mitte stehen
Wo siedelst du dich und deine Bedürfnisse an
In wem findest du dich wieder, mit wem identifizierst du dich
Was passiert, wenn plötzlich der Trieb überhandnimmt
Verpasst du etwas, wenn du diese Seite nie hast ausleben können
Langjährige, liebevolle, aber leider nicht allzu prickelnde Partnerschaften zerbersten, wenn ungeahnte Abgründe sich auftun
Kannst du dich dagegen wehren, möchtest du das
Hast du Angst vor dir selbst und der Intensität deiner Gefühle
„Wilde Zeiten“ – ausschweifend, hemmungslos, selbstgefährdend oder gar selbstschädigend, rücksichtslos gegen dich und Andere –
Hast du die wirklich erlebt oder prahlst du mit banalen Besäufnissen oder trivialen Affären

Filme und Romane leben davon, dass Menschen die Kontrolle verlieren, Affären eskalieren. Klatsch und Tratsch wird gespeist durch Häme und Verachtung derer oder auch heimlichen Neid auf jene, die gewohnte, eingefahrene Bahnen verlassen und das pralle Leben suchen, jeder Verführung nachgeben, unpersönlich, auswechselbar, schnell entflammt und schnell verbrannt.
Wie leicht ist es, sich darüber zu erheben, wie hoffnungslos, dem ausgeliefert zu sein.

1991 stehe ich zum ersten Mal auf einer Opernbühne.
Die Poppea von Monteverdi soll ich sein, gleich in meiner ersten szenischen Produktion die Hauptrolle übernehmen, und schon bei der ersten Probe erlebe ich ungeahnte Fähigkeiten.
Mein Kollege Nero und ich sollen ein Liebesduett singen und dabei über die gesamte Breite der Bühne die Spannung halten, eine links, der andere rechts am Rand stehend, uns tief in die Augen schauend.
Die Regisseurin ist begeistert, ich bin überrascht und irritiert, welche Intensität ich spontan auf die Bretter, die die Welt bedeuten, bringe, auch wenn es nur eine kleine Probebühne ist.
Ganz neue Seiten entdecke ich an mir. Durchs Bett zur Macht ist meine Rolle, Nero nur Mittel zum Zweck, die Funken fliegen, auf und hinter der Szene.
Nach der Probe lädt Nero mich zu einem Drink ein und es kommt zu einer kleinen Knutscherei, wobei ich schnell merke, dass ich gerade eine Grenze überschreite und nicht wirklich den Wunsch nach Mehr verspüre.
Nach diesem Abend, von dem ich meinem Freund lieber nichts Näheres berichte, ist das Verhältnis zwischen Nero und mir drehbuchgemäß, die erotische Spannung wird destruktiv – Poppea und Nero zicken sich während und nach den Proben an, Nero macht sich lustig, dass ich so brav und diszipliniert bin, ich wiederum empfehle Nero, sich lieber mehr auf seinen Job zu konzentrieren, da er dazu neigt, seinen Text zu vergessen.

Mein Kostüm ist sehr aufregend – eine dunkelrote Perücke mit wallenden Wellen bis zum Po, gelbe Stöckelschuhe, auf denen zu laufen ich erst einmal üben muss, ein gelbes, eng anliegendes Kleid mit diversen Extras, das die Andeutung eines Striptease ermöglicht:
Lange Handschuhe, die ich sinnlich langsam abstreifen kann, ein kleine Kugel in der Taillengegend, durch einen unsichtbaren Nylonfaden mit dem Saum des Kleides verbunden, sodass ich diesen heben kann, indem ich die Kugel zur Seite ziehe, eine Klappe mit Klettverschluss über einer Brust, unter der sich rosa Satinstoff, besetzt mit einem dicken roten Strassstein zeigt, und am Ende stürzt Nero, vor Verlangen halb wahnsinnig, an Poppeas Rücken auf die Knie, die für diesen Moment vorgesehenen Druckknöpfe aufreißend, dabei wird inbrünstig gesungen.
Erstaunlicherweise macht mir dieses Spiel viel Spaß, ich entdecke ganz neue Facetten an mir, als aber mein Freund zur Generalprobe kommt, ist er entsetzt und befindet über Nero: „Das ist ja ein Mann!“ – ich habe ihm von meinem Kollegen peinlicherweise als „kleinem Türken“ berichtet, seine üppige Körperbehaarung habe ich nicht erwähnt…
Für die Aufführungen muss die ganze Truppe in eine entfernte Stadt fahren und als ich nach der letzten Vorstellung nachts um 3 Uhr nach Hause komme, hat mein Freund das Treppenhaus mit Plakaten gepflastert: „Schön, dass du wieder da bist“. Er hat Blumen besorgt und sitzt im Kerzenschein im Wohnzimmer, in Photoalben unserer gemeinsamen Urlaube blätternd.

Ein paar szenische Aufführungen singe ich noch. Als hübsche junge Frau bekomme ich jedes Mal die Rolle der Liebhaberin und spiele Erotik oder Intimität. Jedes Mal entstehen kleine Verwicklungen, mehr oder weniger handfeste Annäherungsversuche der Kollegen, Schwärmereien für Sänger, Dirigenten oder Regisseure, harmlose Techtel-Mechtel, aber dieses Spiel ist mir doch zu heikel.
Das allseitige Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel mit dem Feuer empfinde ich als schrecklich anstrengend. Der Mann einer Freundin hat einmal Frauen nach ihrer Entflammbarkeit klassifiziert und mich bei Asbest eingeordnet. Seine Frau war ein Mehrkomponenten-Material aus einer äußeren, nahezu undurchdringlichen Schicht, unter welcher sich ein „Dauerbrenner“ oder auch „ewiges Feuer“ verbarg. Das fand ich viel schöner.

Mir fehlt aber die Begabung zum Drama, der Wille zum Exzess, gerade weil ich um meine Anfälligkeit weiß.
Auf die Dauer ist das allgemeine Mit-offener-Hose-Herumlaufen nichts für mich. Wer im Opernbetrieb unterwegs ist, den wundert weniger die längst fällige „MeToo-Debatte“ als die scheinheilige Verlogenheit der vergangenen Jahrzehnte. Man sucht, bemerkt und genießt das Knistern auf der Bühne und ist verblüfft und betroffen, dass die Leute wirklich Sex haben.
Dass ein äußerst viriler Tenor vor der allseits bejubelten Vorstellung einen erotischen Kick benötigt, um seine „hohen C’s“ direkt aus der Leibesmitte zu schöpfen, oder dass ein weltberühmter Dirigent sich nach Knaben verzehrt, ist erschütternd und traumatisierend für die „Beteiligten“, aber nicht wirklich überraschend.
Also zog ich es vor, auf das Singen von Opern zu verzichten und lieber ein harmonisches, stabiles Leben zu führen als mich den ständigen Anfechtungen der wilden Bühnenwelt und der Besetzungscouch auszusetzen.
Es wurde auch ohne Oper kompliziert genug.