Verteidigung der Bildung

21. Mai 2024

(ZEIT Sonderausgabe 4. Mai 2024, „Das muss sich ändern“ – Jens Jessen über das viel gehasste Bildungsbürgertum, das inzwischen lieber unter Artenschutz gestellt als bekämpft werden sollte)

Nein, lieber Herr Jessen,

das Bildungsbürgertum muss niemand mehr fürchten. Erwecken wir den Eindruck, uns für etwas Besseres zu halten?

Vielleicht tut es einfach weh, dass das, was die deutsche Hochkultur in Jahrhunderten erschaffen hat, widerstandslos in die Tonne getreten wird.

Was schmerzt, ist der Untergang der „Sache an sich“ – die Trauer, dass an jeder Straßenecke Bücher entsorgt werden, der Schock, wenn in der Elphie in den Schlussakkord der Bach-Kantate „Ich habe genug“ hinein „Bravo!“ gerufen wird, die Kapitulation der Eltern und Bildungsinstitute vor dem Sog der elektronischen Medien, die unreflektierte Anbetung der Digitalisierung.

Abiturienten lesen in der Oberstufe zwei Bücher, wenn überhaupt, Musik und Kunst gelten als verzichtbar zugunsten der Kernfächer.

Kürzlich haben 700 Altsprachler der Abijahrgänge 1968 bis 2023 ihrem ehemaligen Musiklehrer zum 80. Geburtstag ein Überraschungsständchen gebracht – „O Fortuna!“ aus 700 stimmgewaltigen Kehlen, blitzsauber gesungen und artikuliert und wissend, um was es geht, anschließend wurden bei Volkstänzen, Butterkuchen und Brezeln Erinnerungen an prägende Jahre ausgetauscht.

Da war die Vergangenheit in Form des Bildungsbürgertums der Hamburger Elbvororte, bestehend aus Anwälten und Lehrern der dritten (Schul-) Generation erlebbar.

Die Gegenwart und Nach-uns-die Sintflut-Zukunft besichtigen wir täglich im Alstertal – ununterscheidbar schöne blonde Frauen mit Pferdeschwanz, die ihre hübschen Hockey und Tennis spielenden Kinder mit dem SUV am liebsten direkt ins Klassenzimmer fahren möchten, quer über den Fußweg in der Sackgasse parkend, Eltern und Kinder mit den üblichen weißen Knöpfen im Ohr. Was ihre das Ehegattensplitting genießenden Männer beruflich machen, versteht kein Mensch, in den Ferien ist Wellingsbüttel leergefegt – man „fährt“ nach Spanien oder in die Karibik.

Die stümperhaften ersten Klavier-Tönchen der ebenfalls überwiegend blonden Sprösslinge werden bejubelt, gefilmt und vielfach geteilt, aber bitte keinen Leistungsdruck! Musik soll Spaß machen, ein dekoratives Hobby, das den Ruf hat, förderlich für den Intellekt zu sein. Was Bücher sind, wissen die Kleinen gar nicht, an den Wänden der elterlichen Villen prangen flächendeckende Flachbildschirme anstelle von verstaubten Regalen.

Ja, es ist der unerbittliche Lauf unserer Zeit – die Kultur wird künstlich am Leben gehalten, aber im Alltag hat sie keinerlei substanzielle Bedeutung mehr.

Vielleicht hat es die nie wirklich gegeben, und vielleicht macht es das aussterbende Bildungsbürgertum der Nachwelt auch leicht, seinen Niedergang hämisch und herablassend zu betrachten.

Sind wir stolz auf unsere Bildung? Nein, es sind die Inhalte, die uns am Herzen liegen – die wundervollen Welten von Jakob Wassermann oder Max Frisch, Johann Sebastian Bach oder Robert Schumann. Es sind Tausende von Seiten bereichernder, erhellender Schriften, die niemand mehr liest, kostbare, berührende Klänge, deren tiefe Botschaften niemand mehr versteht, das erschüttert zutiefst!

Für den „Artenschutz“ in Gestalt von staatlicher Förderung sind wir unendlich dankbar, und so halten wir in einem kleinen Verein unsere kleine Fahne der Kultur hoch und pflegen das, was uns am Herzen liegt. Noch gelingt es uns, die Menschen mit unseren Veranstaltungen zu erreichen, noch wächst sogar der Bestand an Menschen, die sich einlassen auf unser Angebot an Kultur jenseits des Seichten, aber perspektivisch werden die lebensverlängernden Maßnahmen keine Chance haben, wenn aus jüngeren Generationen überhaupt kein Nachwuchs an Bildungs-Interessierten nachwächst.

Für Provokationen fehlen uns Wille, Kraft und Einfluss, aber wir werden nicht aufhören, für das, was uns am Herzen liegt, zu leben!

Mit herzlichen Grüßen

Julia Barthe

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