Time

3. Januar 2023

Inspiriert durch das Buch: „Mein Song“
Texte zum Soundtrack des Lebens, herausgegeben von Steffen Radlmaier

Dem Buch vorangestellt ist das berühmte Zitat von Victor Hugo: „Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“

…und doch geht es in den Abhandlungen über „den Song meines Lebens“ häufiger um deren Texte als um Musik…

Mehr oder weniger Prominente werden nach dem Lied befragt, das ihr Leben verändert und geprägt hat, eine wunderbare Idee, ein großartiges Buch!

Thomas C. Breuer lehnt es ab, sich auf einen Song festzulegen und stellt fest:
Es sind Erweckungserlebnisse, zumeist Erinnerungen an erste Lieben, die Songs so nachhaltig emotional aufladen, man verklärt die Adoleszenz mit dem Abtauchen ins „Weißt-du-noch“.
In diesem Alter sind wir besonders empfänglich für Prägungen durch sinnliche Eindrücke, entdecken wir zum ersten Mal eigene Vorlieben, die nicht elterlich vorgegeben sind.

In meinem Fall findet das Schlüsselerlebnis schon sehr früh statt: 1973. Mein kleiner Bruder und ich sind zu Besuch beim Onkel Henry in Wiesbaden, der hat sich nach dem Tod von Tante Erna mit Ruth, der Haushaltshilfe, zusammengetan, einer viel jüngeren Frau, die zwei Kinder in unserem Alter mitbringt.
Die eine hat eine Schallplatte dabei: „The dark side of the moon“ von Pink Floyd.

Nun erlebe ich zwei Offenbarungen gleichzeitig: musikalisch überwältigt mich „The great gig in the sky“ – harmonisch unfassbar schön und die Vokalise der Solistin einfach gigantisch! Wir versuchen, mitzusingen und den verschlungenen Wendungen zu folgen, die vom ersten Aufschwung an ein enormes Spektrum von Tonumfang und Emotionen umfassen.

Was mein Leben aber für immer verändert, ist der Text von „Time“:

„Ticking away the moments that make up a dull day
Fritter and waste the hours in an offhand way
Kicking around on a piece of ground in your hometown
Waiting for someone or something to show you the way

Tired of lying in the sunshine, staying home to watch the rain
You are young and life is long and there is time to kill today
And then one day you find ten years have got behind you
No one told you when to run, you missed the starting gun

And you run, and you run to catch up with the sun, but it’s sinking
Racing around to come up behind you again
The sun is the same in a relative way, but you’re older
Shorter of breath, and one day closer to death

Every year is getting shorter, never seem to find the time
Plans that either come to naught or half a page of scribbled lines
Hanging on in quiet desperation is the English way
The time is gone, the song is over, thought I’d something more to say…“

Tief in meiner Seele spüre ich schon als achtjähriges Kind das Bedauern des „lyrischen Ichs“ (den Begriff kenne ich damals natürlich noch nicht), in der Jugend so viel Zeit verschwendet zu haben, die unwiederbringlich verloren ist. Jung wie ich bin, erreicht mich damals schon der Appell, mein Leben nicht einfach ungenutzt verstreichen zu lassen, sondern es zu füllen mit bedeutsamen Gedanken und Erlebnissen.

Was in diesem Zusammenhang „bedeutsam“ bedeutet, das herauszufinden wird mich Jahrzehnte kosten.
Zunächst heißt es: In jeder freien Minute zu lesen, kreativ und produktiv zu sein, Musik zu hören und zu machen – Flöte und Klavier, später auch Geige zu spielen, zu singen, zu stricken und zu basteln, Menschen wirklich zu begegnen und ihre Geschichten aufzusaugen, mir ein Zuhause zu schaffen, das seinen Namen verdient, auf meine Gesundheit zu achten und mir immer wieder die Vergänglichkeit vor Augen zu halten, nicht zuletzt durch den intensiven Kontakt mit Hochbetagten.

Im Umkehrschluss bedeutet es: Keine Zeit zu verschwenden mit Fernsehen, Smalltalk oder Partys, nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken, mich gesund (vegetarisch) zu ernähren, Rad zu fahren und Treppen zu steigen, statt außerhalb des Alltags zu „pumpen“, genug zu schlafen, statt Kaffee zu trinken, was in meinem Fall heißt: früh das Licht zu löschen, in späteren Jahren bedeutet es auch, zu laufen, am liebsten in der Morgensonne, vor dem Aufstehen der Familie.

Die Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „Achtsamkeit“ sind erst Jahrzehnte danach in Mode gekommen, das „grüne Gedankengut“ scheint aber in mir angelegt gewesen zu sein, jedenfalls trifft die Umweltschutzbewegung eine Nerv in mir, ich wünsche mir zum Abitur einen Geigenbogen, statt den Führerschein zu machen.

Fast 50 Jahre später bestätigt sich, wie richtig es war, meinen Weg konsequent „neben dem Mainstream“ gegangen zu sein, Hänseleien und Verachtung ausgehalten zu haben und meiner inneren Stimme immer wieder zu lauschen, um sie immer besser kennenzulernen.

Und all das ausgelöst durch ein Lied von Pink Floyd…