Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel,
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nur träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Überirdische Schönheit, ein magischer Moment, zum Sterben schön, was soll jetzt noch kommen?
Der vollendete Ausdruck des romantischen Empfindens: Natur, Nacht und selige Todessehnsucht. Die ideale Verschmelzung des himmlischen Gedichtes mit seiner traumhaften Vertonung, Poesie in ihrer höchsten Vollkommenheit, ein Lied, das ich kaum zu singen wage vor Ehrfurcht – wie kann ich dieser ätherischen, entrückten Atmosphäre gerecht werden, die zauberhafte Stimmung wiedergeben, mich dem Augenblick der Stille und Verklärung annähern.
So müsste das Ende sein, dankbar und friedvoll nach einem erfüllten Leben.
Welche Bilder werden es sein, die kurz vor dem Tod in rascher Abfolge vor dem inneren Auge vorbeiziehen, welche sind die berührendsten Momente, die sich tief in die Seele eingeprägt haben?

Ganz sicher sind die Geburten der Kinder dabei – der erste Blick in die großen, klaren Augen der Tochter, die alte, reife Seele, die mir daraus entgegenblickt und so viel Klarheit und Weisheit ausstrahlt.
Der winzige, blaue Sohn, der vom ersten kräftigen Zug an der Brust an vermittelt, dass er gut für sich sorgen kann. Der kleine Mensch, der so sehr den Körperkontakt sucht, nachts dicht an mich gedrückt, hinterherrückend, sobald ich mich vermeintlich unauffällig etwas zu Seite rolle, tagsüber im Tragetuch, zehn Monate wie festgewachsen.
Und Christians Tod an meiner Hand.

Der Sohn im selbstgebastelten grünen Lendenschurz, nachdem er Lex Barker gesehen hat, der kleine zarte Kerl als Tarzan.
Die Tochter, die tanzt, während ich Mozarts A-Moll-Sonate am Klavier spiele.
Der Vater, die Latschen in der Hand, wie er nach einer Reise auf dem Bahnhof auf mich zustürmt, sie durch die Luft wirbelt.
Der Witwer, der seinen achtjährigen Sohn im Arm hält, während ich auf der Trauerfeier für seine Frau singe, das Baby, das vor der Kirche spazieren gefahren wird.
Die junge Frau, die mit ihrem vierjährigen Sohn an der Hand tapfer und zügig die Kirche betritt, aufrecht den Platz vor dem Sarg ihres Mannes einnimmt, den Kleinen tröstend.
Der erste Besuch beim neuen Schwarm, die Laterne, Kerzen, Kamin und leichter Duft nach Rauch, das warme, einladende Haus.
Zum ersten Mal neben der großen Liebe aufwachen.

Immer wieder die Kinder, unendlich viele glückliche und schwere Momente. Kinderfreude, Kinderleid, überschwänglicher Jubel und tiefer Schmerz, oft unmittelbar nebeneinander.
Das erste „öchö öchö“ aus dem kleinen Kehlchen, das Strahlen beim Abholen aus dem Kindergarten, Picknick am kleinen Teich, krakelige Briefchen, schnelle Tränen und Sich-trösten-lassen, Unfälle und fiebrige Nächte, Kinderhände und schmale Schultern, die viel zu viel Leid tragen, abgrundtiefe Verzweiflung und existentielle Nöte, aber auch Lachen und Lebensfreude –
Jeden Augenblick möchte ich festhalten, jede kleine Zeichnung aufhängen, jedes Photo mit mir herumtragen, sie aufnehmen beim Spielen und beim Schlafen, und ich kann die kostbaren Momente doch nur in meinem Herzen bewahren.
Vermutlich und hoffentlich zeigen sich dann längst vergessene Schätze, einmalige Augenblicke, die mir entfallen sind.

Ob viel Musik dabei ist, die Matthäuspassion, Elias oder das Brahms-Requiem, „Du, meine Seele singe“, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ oder das „O du fröhliche“ im Michel, Bachs Es-Dur-Präludium, Caccinis Ave Maria oder „Heraus aus den Betten“ aus Kindertagen – es wird kein Wunschkonzert sein.

Der alte Garten, mein Staudenbeet, die Apfelbaumallee und die herrliche Magnolie, in deren Schatten ich meine Schwangerschaften verbrachte, in meinem gemütlichen Sessel lesend, während der Bauch immer dicker wurde.

Viel Hamburg – der Michel, St. Peter in Groß Borstel, die Jugendstilvillen, Backsteinbauten, Freiluftkino mit Picknick auf dem Rathausmarkt, Alsterdampfer und Elbe, der Stadtpark und der Ohlsdorfer Friedhof.

Traurige Momente, bewusste oder unbedachte Verletzungen, Klarheit und Wahrheit.
Versäumtes, Verpasstes und Nicht-Wieder-Gutzumachendes verliert seine Bedeutung.
Befreiung von Schuldgefühlen, Frieden schließen.
Gänsehaut bei ersten Begegnungen, Dankbarkeit für so viele liebevolle Freundschaften, einfühlsame Hilfe, unerwartete Anteilnahme, echte Wertschätzung, warme Blicke, sanfte Umarmungen, innige Verbindungen.

Welche Beziehungen sind wirklich in die Tiefe gegangen, wie viel Begeisterung ist verpufft, welche Freundschaften haben getragen, um welchen Verlust tut es mir leid, was habe ich verpasst, wen habe ich nicht ernst genug genommen, mit wem bin ich nicht behutsam umgegangen.
Wen werde ich überleben, von wem werde ich Abschied nehmen müssen, Eltern, Schwiegereltern, Tanten, noch ist die Generation zahlreich vertreten, aber wie oft ist die natürliche Reihenfolge schon durchbrochen worden, wie viele Einschläge gab es auch in meiner Altersstufe, meine Freunde haben Kinder verloren.

Was ich jetzt zu schätzen weiß, das kann mir später niemand nehmen, ich muss nicht bereuen, dass ich mich nicht genug gefreut habe.
Ich wünsche mir, dass mir diese Intensität so lange wie möglich erhalten bleibt und dass ich so viel wie möglich davon weitergeben kann.