28. Dezember 2025
Auf einem Tisch am geöffneten Fenster sitzt ein junges Mädchen mit leicht angezogenen Beinen, Arme und Unterschenkel bilden eine Linie, die von dem gestreiften Rock aufgenommen wird, die Fensterflügel öffnen den Blick in einen lichtdurchfluteten Wald, ihr Profil zeigt ein Lächeln auf dem von der Sonne beleuchteten Gesicht. In den aufgesteckten, ebenfalls leuchtend blonden Haaren eine Blume, die Füße in offenen Sandalen, darunter ein Notenblatt – dieses verträumte junge Mädchen ahnt noch nicht, was das Leben an Wundern, aber auch an Aufgaben und Bündeln für sie bereit hält!
Über Marlis zu schreiben, ohne dass es von Menschen, die sie nicht kannten, als kitschig empfunden wird, ist fast unmöglich!
Marlis und Siegfried – verschmolzen im Namen ihres ersten Sohnes: Siegmar.
Von klein auf an gehörten sie zu unserem Leben, die Kusine des Vaters und ihr Mann. In unserer erfolgreichen, begüterten Familie schienen sie die armen Verwandten zu sein mit ihren erst drei, dann vier und schließlich fünf Kindern. Siegfried arbeitete als Diakon, das Geld war ein Leben lang knapp bei ihnen, ein Beamter bescheinigte ihnen nach der Geburt des fünften Kindes, nun seien sie offiziell asozial – aber sie waren so viel reicher als wir!
Zutiefst verwurzelt im Glauben, war es ihnen Trost und Lebensaufgabe, für andere da zu sein, und in bewundernswerter Weise gelang es ihnen, in allen Menschen und in jedem schweren Schicksalsschlag das Gute zu sehen.
Immer galt ihr Blick denen, die es noch schwerer hatten als sie, und so verbrachten sie jahrelang den Heiligen Abend in der Gemeinde mit einem Weihnachtsessen für Einsame – Grünkohl und Kassler, als Nachtisch „Quarkspeise violett“, die einer der Söhne anrührte, und sicher gab es Musik, wurde gemeinsam gesungen und gebetet. In unserer Familie hieß es oft: Marlis backt aus einem Ei einen Kuchen für 50 Personen! Die Bescherung für die eigene Familie gab es erst spät abends, wenn alle Einsamen gesättigt und glücklich waren.
Am zweiten Weihnachtstag besuchten sie uns mit ihren Blockflöten und selbstgebastelten Geschenken, eingepackt in rot-weiß oder blau-weiß gemusterte dünne Putztücher, verschnürt mit bunten gehäkelten Bändern – bei Borcherts wurde nichts verschwendet!
Und so rief ich jedes Jahr im Herbst bei Siegfried an: In unserer Apfelbaumallee waren die Früchte reif, und er kam mit zahlreichen Kisten und Eimern zur Ernte, die Marlis dann verarbeitete. Als Dankeschön gab es selbstgemachte Marmeladen und Gelees – natürlich eingeschlagen in die bunten, wiederverwendbaren Tücher.
Legendär war die Ausrüstung seines Kleinbusses: Im Kofferraum hatte er stets eine Warnweste, orangefarbene Hütchen und eine Kelle dabei, um den Verkehr zu regeln, wenn er an einem Unfall vorbeikam.
Ebenfalls legendär war sein Kalender mit Gedenktagen – jeden Geburtstag bedachte er mit einem Anruf, und oft rief er bei mir an, um sich nach meinen Eltern zu erkundigen, wenn er sie an ihrem Hochzeitstag nicht erreichen konnte.
Viele Schicksalsschläge mussten Marlis und Siegfried verkraften – vor allem Marlis hatte immer wieder gesundheitliche Probleme, sie litt unter schweren Schmerzen und musste zahllose Operationen über sich ergehen lassen, aber nie hörte man sie klagen! Zwei Kinder wurden „direkt in Gottes Herrlichkeit hineingeboren“, auch da gab ihr tiefer Glaube ihnen Halt und Trost, und unerschütterlich galt ihr Blick und ihre Sorge den Menschen, denen es schlechter ging als ihnen. Aus eigenem Erleben heraus weitete sich ihr Blick für Andere.
In Gymnastikgruppen leitete Marlis andere an, mit bunten Tüchern und selbstgehäkelten Knüllbällchen ihre Beweglichkeit zu trainieren.
Das Leben im Reihenhaus wurde schwerer, es wurde zu schwierig – Siegfried brauchte mehr Hilfe als Marlis, die selbst angeschlagen war, leisten konnte, und so musste Siegfried ins Heim übersiedeln. Marlis wollte das mit Erinnerungen gefüllte Haus um keinen Preis verlassen, und so überlisteten die fünf Kinder sie gemeinsam: Besuch doch deinen Sigi ein paar Tage, bleib doch über Weihnachten – und aus zwei Wochen wurde ein dauerhafter Umzug. Im Nachhinein war Marlis ihren Kindern dankbar für diese List – im Heim ging es den beiden gut, sie waren eingebunden in ihre Gemeinde, der Gottesdienst fußläufig erreichbar.
Anfang 2025 wurde in großer Runde die Diamantene Hochzeit gefeiert, Marlis mit strassgeschmücktem Haarreif, die fünf Kinder sangen Arm in Arm begleitet vom Enkel am Klavier, man hatte gemeinsam gedichtet, geschmückt und gebacken – in der Familie Borchert wurde und wird alles selbstgemacht!
Ohne beschönigen oder verklären zu wollen, wie schwer das Leben für Marlis und ihre Familie oft war – was haben sie daraus gemacht! Was für ein Reichtum, dieser Zusammenhalt, diese Großzügigkeit und dieser Blick für Andere!
Am Ende rundete sich das Leben von Marlis: In großer Vorfreude auf einen Ausflug, eine Lichterfahrt auf der Elbe, ging sie kurz in ihr Zimmer, um sich umzuziehen, man wartete eine Zeitlang vergeblich – und fand Marlis auf dem Boden, einfach umgefallen, ohne Schmerzen, ohne langes Leiden, kurz vor Weihnachten, kurz vor ihrem 87. Geburtstag – was für ein Abschied, was für eine „Umstiegsmöglichkeit“, wie ihr Sohn es in seiner berührenden Rede anlässlich ihrer „Auferstehungsfeier“ formulierte!
Zwei Sätze charakterisieren diese rührende, berührende Frau: „Ich bin dankbar“ und: „Sie waren hoch erfreut“!
Wir sind hoch erfreut und dankbar, dass wir Marlis kennen und ein wenig begleiten durften! Ihre fünf Kinder, ihre Enkel und Urenkel, aber auch die vielen Menschen, für die sie in ihrem langen Leben da war, tragen ihre Liebe, ihre Tapferkeit und ihren unerschütterlichen Glauben an das Gute weiter!
Liebe Marlis, Danke für alles!








