Jetzt muss sie mich nur noch holen

3. Oktober 2026

Wie sehr sich doch der Beginn und das Ende des Lebens ähneln!
Stundenlang hat sie ohne Stimme geschrien, hat sich mit aufgerissenen Augen gewälzt, den Arm hochgeworfen, immer und immer wieder – wie in den Wehen.
Um zwei Uhr nachts bin ich gegangen, vielleicht wollte sie mit Dir allein sein, aber um vier Uhr hast auch Du aufgegeben – sie konnte noch nicht loslassen.
Man hat ihr mehr Morphium gegeben, heute lag sie ruhig. Sie hat geröchelt und gerasselt, wir haben uns an ihrem Bett abgewechselt.
Die letzten Wochen haben viel Kraft gekostet, die letzte Nacht war kurz, der Tag war lang. Links geht es zur S-Bahn nach Hause, rechts zur U-Bahn in Richtung Palliativstation. Du bist bei Hanni, ich stelle mir vor, wie Du neben ihr sitzt, mitten in der Nacht, erschöpft, aber tapfer, und wähle den rechten Bahnsteig. An der Tür zum Sterbezimmer kommst du mir entgegen: „Sie hat gerade aufgehört zu atmen!“
Das hat sie so gut gemacht! Sie hätte auf mich warten können, aber sie hat sich an Deiner Hand verabschiedet und dafür gesorgt, dass danach jemand bei Dir ist.

Neun Jahre hat sie dem Leben noch abgetrotzt nach dem Herzinfarkt. Auf der Intensivstation, an sieben Schläuche angeschlossen – „Ich sehe die Leute vor meinem Fenster spazieren gehen und kann nicht hinaus – am liebsten möchte ich mich aus dem Fenster stürzen!“ – „Weißt du, warum die Leute vor deinem Fenster spazieren gehen? Du liegst im Erdgeschoss! Da kannst du gern aus dem Fenster springen!“ – und dann konnten wir gemeinsam darüber lachen.

In ihrer Hilflosigkeit war sie auf Dich angewiesen. Nie haben wir Euch so innig erlebt wie in den letzten neun Jahren! Eure Kämpfe und Verletzungen, die Zeiten der Entfremdung – am Ende hatten sie keine Bedeutung mehr. „Vierundsechzig Jahre, und es war immer schön. Es war nicht immer leicht, aber auch das war schön, denn wir haben uns immer wieder vertragen!“

Ihr hattet Eure Rituale: Beim täglichen Spaziergang hast Du Deine Hanni fest untergehakt, später hast Du sie im Rollstuhl geschoben, da kam der Hund, den sie so gern gestreichelt hat, man kannte Euch im Stadtteil. Wie stolz warst Du, dass Deine Hanni die Anderen im Englischkurs energisch korrigierte, wenn sie Fehler machten. Und jeden Abend hast Du Klavier gespielt, „Wir zwei fahren irgendwo hin, wo ich ganz allein mit dir bin!“, das war Euer Lieblingslied, und Hanni hat trotz ihrer Demenz mit klarer Stimme und textsicher mitgesungen.
Wenn der Scheitel zu breit wurde, gab es neue Farbe – „Jetzt sieht sie wieder aus wie vierzig“, und tatsächlich – bis zum Schluss wusste Hanni, wie sie sich in Pose setzen musste, um auf Photos gut zu wirken.

Dass Ihr eines Tages alt werden könntet, habt Ihr nie für möglich gehalten. Großeltern, Onkel und Tanten wurden lästig und lächerlich, dann wurden sie ins Altersheim gesteckt, und irgendwann waren sie nicht mehr da. Es hat Hanni viel Kraft gekostet, all die Haushalte aufzulösen, aber mit Euch hatte das nichts zu tun.

Nein, eine alte Frau ist Hanni wirklich nie geworden, immer lebte sie eine Generation hinter ihren Altersgenossinnen. Als junge Mutter wollte sie begehrenswert bleiben, dann wollte sie wie die Schwester ihrer Tochter aussehen, man konnte sie für die Mutter ihrer Enkelin halten, und am Ende war sie eine kleine Prinzessin, der man jeden Wunsch erfüllte, dankbar und zufrieden, dafür hast vor allem Du gesorgt! In Deinen Augen, an Deinem Arm konnte sie sich bis zum Schluss jung fühlen. „Mein Klaus, mein Leben!“ – das war das letzte, was sie noch sagen konnte.

Nun liegt sie da, aufgequollen und wächsern, im rhythmisch flackernden Licht der batteriebetriebenen Kerze, eine künstliche Blume in der kalten Hand, und Du sitzt zusammengesackt auf Deinem Stuhl, Augen und Herz zu leer für Tränen. Ich kann Dich nur still halten, jedes Wort wäre falsch.
„Jetzt muss sie mich nur noch holen!“

Der Esstisch ein Altar: Das große Photo, davor eine stets frisch gefüllte Vase. Ich fand nicht, dass Du Deiner Hanni zu Lebzeiten oft genug Blumen mitgebracht hast, aber der Bruder erinnert sich, dass Du jeden Freitagabend mit einem Strauß und einer Zeitschrift nach Hause gekommen bist, Vogue oder Madame – wir werden uns bei Gelegenheit gegenseitig unsere Kindheit erzählen müssen!

Was ich erinnere: Die Rosen an Hannis Bett, wenn sie morgens aufwachte und Du schon zur Arbeit gefahren warst – Euren Hochzeitstag und den Tag Eures Kennenlernens hast Du nie vergessen! „Am 14. November 1960 ist ein Erdbeben durch mein Leben gegangen, das hat bis heute nicht aufgehört“, damit hast Du Deine Rede zu Hannis 70. Geburtstag begonnen.

Ein Mensch fehlt, und die Welt ist leer. Vierundsechzig gemeinsame Jahre – und nun hat Deine Hanni Dich zurückgelassen! Ich stelle mir vor, wie Du morgens immer länger im Bett liegen bleibst, weil es keinen Grund mehr gibt, aufzustehen, wie Du mit dem Blick auf Deine Hanni Verwelktes austauschst, ein Marzipanherz vor das Bild legst und Deinen einsamen Morgenkaffee trinkst. Ich sehe Dich im Keller am Computer sitzen, die Augen zusammengekniffen trotz der neuen Brille, mit dem Programm Deiner Bank kämpfend. Mittags öffnest Du eine Dose Tomatensuppe, und wenn ich mit Eis und Erdbeeren komme, bist Du einen Moment lang glücklich. Eisern gehst Du weiterhin jeden Tag spazieren, sonntags besuchst Du Deine Hanni und bringst ihr frische Blumen, manchmal irrst Du stundenlang auf dem großen Friedhof herum.
Wenn die Nachbarn Dich bitten, nach den Katzen zu schauen, dann spielst Du ihnen etwas auf dem Klavier vor. Du schaust die Tagesschau, versuchst, ein paar Seiten Herrmann Hesse zu lesen, dann liegst Du im Dunkeln, im großen, verlassenen Haus.

Wir alle träumen davon, eines Morgens einfach nicht mehr aufzuwachen, ohne zuvor schwach und pflegebedürftig zu sein. Hanni konnte sich bis zum letzten Atemzug auf Dich stützen. Du musst nun diesen letzten Weg allein gehen. Da wird keine Hanni sein, die Dich im Rollstuhl schiebt, keine Hanni, die Dir etwas vorsingt, keine Hanni, die am Ende Deine Hand hält, Dir die Augen schließt.
„Jetzt muss sie mich nur noch holen!“
Aber Hanni kommt nicht …

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