Gerda Appel

Der Ohlsdorfer Friedhof ist der größte Parkfriedhof der Welt. Auf diesem Friedhof fühle ich mich ein wenig „zu Hause“.
Wenn man den Friedhof durch den Eingang „Kornweg“ betritt und sich gleich rechts hält, bis man auf die Kapelle 6 zuläuft, findet man auf der linken Seite, ein wenig eingewachsen in hohe Rohododendronbüsche, den allerschönsten Engel des Friedhofes.
Die Flügel weit ausgebreitet, hält eine zarte Frau eine lange Feder in der linken Hand, ihre rechte Hand ist sanft gehoben, als wollte sie den Kopf eines Kindes streicheln. Der Kopf ist geneigt, das fein gearbeitete Gesicht strahlt Frieden aus, die Augen sind fast geschlossen.
Unter dem Engel ist eine Tafel befestigt:
„GERDA, DU HAST AUS DEINEM LEBEN EINEN MÄRCHENTRAUM GEMACHT!“

Ich habe den Engel oft besucht, einen Moment verweilt und darüber nachgedacht, was es wohl mit diesem Satz auf sich haben könnte.
Ein Nachbar, der in der Friedhofsverwaltung gearbeitet hatte, und der „Verein der Friedhofsfreunde“ fanden heraus:

Gerda Appel war eine sehr resolute Dame, die hochbetagt in einem Heim starb. Sie hatte einen nicht weiter geklärten persönlichen Bezug zu der Familie, die vor ihr unter dem Engel gelegen hat. Die Familie oder der Engel müssen ihr viel bedeutet haben, denn sie zahlte einen fünfstelligen Betrag, um das vierstellige Grab für sich allein zu kaufen und es pflegen zu lassen.

Was mich sehr berührt: Den Text auf der Gedenktafel hat Gerda Appel selbst verfasst – sie hat sich also quasi selbst auf die Schulter geklopft!
Ein Märchentraum – damit verbinde ich die Liebe zu einem Prinzen, überwundene Gefahren und vor allem ein Happy End. Was davon Frau Appel erlebt hat, konnte ich nicht herausfinden. Sie war nicht verheiratet und hatte soweit man wusste keine Kinder, trotzdem muss sie am Ende mit ihrem Leben höchst zufrieden gewesen sein und wollte das der „Nachwelt“ mit dieser wunderschönen Inschrift hinterlassen.
Wie schade, dass diese spannende Geschichte nun auf immer verloren ist!
Was aber in diesem kurzen Satz deutlich wird: Das Märchen ist Gerda Appel nicht widerfahren, sondern sie hat offenbar selbst dafür gesorgt, dass sie am Ende ihres Lebens stolz auf sich sein konnte.
Das Photo haben wir am 100. Geburtstag von Frau Appel aufgenommen.
Wir haben ihr an diesem Tag eine Rose und eine Kerze mitgebracht. Möglicherweise waren wir, die wir diese Frau nie kennengelernt haben, die einzigen, die an diesem Tag an sie gedacht haben.