24. August 2025
Nun ist der Tag gekommen – sechs Jahrzehnte sind gelebt. Was bedeutet das? „60 Jahr, graues Haar“, oder auch „60 Jahre und (k)ein bisschen weise“? Die Beatles stellen sich 64jährige als alte Leute vor, die gefüttert werden müssen, mit schütterem Haar und Enkelkindern auf dem Schoß, Udo Jürgens wollte mit 66 noch einmal richtig durchstarten, sein Namensvetter Curd dagegen wähnte sich auf dem Weg zum Greise und hatte Sorge, etwas zu verpassen.
Erst waren die Balletttänzer jünger als ich, dann die Fußballer, in der nächste Stufe traten junge Ärzte auf, mittlerweile könnten sogar etliche Politiker meine Kinder sein, und in der Bahn stehen junge Männer auf, um mir einen Sitzplatz anzubieten.
„Mit 58… ist die Bezeichnung ‚alter Mann‘ keine nach Paragraph 185 des Strafgesetzbuches strafbare Beleidigung, sondern lediglich eine wahre Tatsachenbehauptung und als solche wertneutral. Das entschied das Oberlandesgericht Hanau im Jahr 2016“ (ZEIT 16.4.25).
Am 50. Geburtstag kann man sich vielleicht einbilden, die Hälfte des Lebens noch vor sich zu haben – mit 60 sind definitiv zwei Drittel vorbei.
60 Jahre: 54 Jahre lesen, 53 Jahre Klavier spielen, 45 Jahre singen, 35 Jahre Solistin in Kirchen, davon 30 Jahre im Michel, 27 Jahre unterrichten, nur 12 Jahre Geige, aber die waren erstaunlich prägend.
3 Jahre Grindelberg, 15 Jahre Winterhude, 7 Jahre St. Georg, 17 Jahre Groß Borstel, 5 Jahre Klein Borstel, 12 Jahre Wellingsbüttel.
Fast 30 Jahre Kinder, 29 Jahre davon alleinerziehend.
Der Vater begleitet mich noch, die Mutter vor drei Monaten verabschiedet.
Fast 59 Jahre mit dem „kleinen Bruder“, 57 Jahre Biggi und Annette, 44 Jahre Susi und Julia, 31 Jahre Clotilde, 26 Jahre Claudia und Andrea, 19 Jahre Gudrun, 10 Jahre Angi – und immer noch entstehen neue tiefe Verbindungen.
Die runden Geburtstage bisher:
10 Jahre – 1975, der erste Geburtstag am Albert-Schweitzer-Gymnasium, neue Schule, neue Klasse, gab es da ein Fest? Eher nicht, das war bei uns nicht üblich, und wer hätte da kommen sollen?
20 Jahre – 1985, ein Jahr nach dem Abitur, „Parkstudium“ der Musikwissenschaften, Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule.
War mein 20. Geburtstag der, in den ich allein hineingefeiert habe, mit einer selbst produzierten Cassettenaufnahme „Happy birthday to me“, Überraschungsei und Wunderkerze? War es der 20. Geburtstag, an dem ich abends an das Denkmal der Drei Ruderer gelehnt den Sonnenuntergang über der Alster betrachtete, gegenüber der Fernsehturm, das CCH, der „Affenfelsen“ und die Silhouette von St. Johannis Harvestehude, neben mir ein Windlicht?
Habe ich mit Martin gefeiert, mit dem müsste ich damals verbandelt gewesen sein, oder war es Frank-Joachim, der Cellist im Harvestehuder Studentenorchester, neben dem ich als Stimmführerin der 2. Violinen saß? Bei Wagners Liebestod rannen Tränen in den dichten dunklen Bart. Einen Geburtstagsabend haben wir jedenfalls in einer Kneipe miteinander verbracht, mehr oder weniger zufällig.
Das Bild bleibt verschwommen. Erst nachdem ich 1988 Christian kennenlernte, meinen späteren Mann, bekamen meine Geburtstage eine Bedeutung.
30 Jahre – 1995, da war ich schwanger, im November wurde unsere Tochter geboren, zwei Jahre und sechs Wochen später war Christian tot.
35 Jahre – das Jahr 2000. Als Kind stellte ich mir bisweilen vor, wie mein Leben in diesem magischen Jahr wohl aussähe – als verwitwete Alleinerziehende, die den sensationellen Jahrtausendwechsel verschläft, hatte ich mich da nie gesehen.
40 Jahre – 2005, Fernbeziehung nach Zürich, das Kinderthema unter Tränen abgeschlossen, ein großes Gartenfest, sechs Wochen später kündigte sich der kleine Sohn an.
50 Jahre – 2015, das „Konzert meines Lebens“ mit biographischer Moderation für 140 Herzensmenschen, ein dramatisches Jahrzehnt lag hinter mir:
Zwei Umzüge, der Traum von einer neuen Familie spektakulär gescheitert.
Die Hoffnung: Nun wird alles gut!
60 Jahre – 2025, nein, es wurde nicht ruhiger: Ein drittes Mal „Hölle und zurück“, Krankheiten und Abschiede. Ich begreife: Mein Leben wird wohl nie in friedlichen Bahnen verlaufen. Trotzdem – nein, kein Trotz, also: Dennoch lebe ich im Frieden. Klärung mit Menschen, die mir weh getan haben, ist nicht möglich, Groll würde MEIN Leben vergiften, also sind die Verletzungen aufgeschrieben und abgelegt.
Der 60. Geburtstag – kein „Fest des Jahres 2025“ – stattdessen ein Feuerwerk der „Herzensprojekte“ von Februar bis November: Singen, schreiben, lesen und lesen lassen – ich pflanze meine Apfelbäumchen in die krisengeschüttelte Welt.
60 Jahre – keine Hürde oder beängstigende Schwelle auf dem Weg zur 70, vielmehr ein Gefühl von Freiheit nach jahrzehntelangen Kämpfen – Erntezeit!
Kreatives Brodeln seit 2017, Schreiben und Photographieren, Eruption seit 2022, zwei Internetseiten, übervoll mit Texten, Bildern und Musik.
Brandbeschleuniger: Corona, Befreiung von Mustern und das neue Tor, das sich 2019 öffnet: Der Kulturkreis!
Mit meinen Projekten bewege ich mich „unter dem Radar“. Der „Markt“ interessiert mich nicht, die sozialen Netzwerke, für eine „Karriere“ unverzichtbar, sind mir nach wie vor ein Graus. Meine Bücher und CDs muss ich niemandem verkaufen, und in meinem Alter muss ich niemandem mehr etwas beweisen. Was für ein Privileg!
Eine boshafte Dame sprach einst von „Aschenputtel“, das darauf wartet, eines Tages entdeckt zu werden – nein, glaubt mir oder auch nicht, nennt es stolz oder arrogant – ich mache das alles für mich, nach dem Motto: „Kunst kommt von Müssen“ (Arnold Schönberg), und wenn ich jemandem mit meinen Projekten etwas mitgeben kann, ist das „Erfolg“ genug!
Kolleginnen, die große Karrieren gemacht haben, habe ich stets bewundert, aber nie beneidet, vor allem hätte ich nie so leben wollen wie sie, die weltweit unterwegs waren. Vor kurzem gestand mir eine dieser Künstlerinnen, die wirklich alles erreicht hat, was man auf dieser Welt als Sängerin erreichen kann: „Ich beneide dich!“ Das hat mich sehr berührt!
„Zu alt für Illusionen, aber zu jung für ein Leben ohne Träume“ – was könnten noch Ziele sein?
Ich hoffe, lange gesund zu bleiben. Mittlerweile bin ich in einem Alter, in welchem andere beginnen, so zu leben, wie ich es seit meiner Jugend praktiziere.
Ich möchte meine Kinder möglichst lange auf ihrem Weg begleiten und intensive Freundschaften pflegen.
Angesichts der Weltlage möchte ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich am Ende doch die Vernunft durchsetzt.
Deshalb versuche ich, meine kleine Fahne hochzuhalten, für meine Überzeugungen einzutreten und meine Begeisterung zu teilen.
Bis zum letzten Tag meines Lebens möchte ich dazulernen und das, was mir am Herzen liegt, weitergeben!
Hoffentlich hört das Brennen nie auf!








