Photo: Frauenliebe und -sterben (c) Hamburgische Staatsoper
13. April 2026
„Frauenliebe und-Leben“ von Robert Schumann, „Herzog Blaubart“ von Béla Bartok und „Eine florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky.
Vor der Opernpremiere: Was wird das werden?
In der ersten Premiere der Saison wurde Schumanns „Paradies und Peri“, veralbert, die schönsten Chöre lächerlich gemacht – ja, der Text ist schlecht und völlig aus der Zeit gefallen, aber dann lass es doch einfach!
„Monster’s Paradise“ der Literaturpreisträgerin Elfriede Jelinek und der Siemens-Preisträgerin Olga Neuwirth – als Sensation angekündigt, aber als Satire inzwischen von der Realität übertroffen – ja, Trump ist noch viel schlimmer als man es sich hätte ausmalen können, aber muss man sich das auch noch auf der Opernbühne antun? „Alles so schön bunt hier!“
Dazu Teebeutelweisheiten von der Seite, bedeutungsschwanger gesprochen von Charlotte Rampling – eine Sensation war das nicht.
Was wohl heute kommt…
Die Einführung im Foyer: Ein Liederzyklus und zwei Kurzopern, zu einem Abend zusammengestellt. Das Motto des Abends: Ausbeutung und Missbrauch der Frau durch DEN MANN, natürlich darf der Verweis auf Pelicot und Hernandes nicht fehlen.
Das Bühnenbild für alle drei Stücke: Ein Salon aus dem Jahr 1840, „angereichert“ mit wechselnden Möbeln im Vordergrund, man soll gespannt sein.
Kurzfassung der Schumann-Lieder: „Alles dreht sich um DEN MANN“, man ahnt: Der Zyklus gefällt dem Regisseur nicht, aber warum inszeniert er schon wieder etwas, das er nicht mag? Am Ende kann die Frau die Szene nur auf der Bahre verlassen – habe ich da etwas falsch verstanden? Die Frau stirbt??
Nach der Einführung wirft ein Mann der jungen Dramaturgin „Rufmord“ an Christian Ulmen vor, zwei Kollegen springen ihr bei und retten sie vor dem etwas aufgebrachten Gast.
Ich kann kurz nachhaken: Habe ich es richtig verstanden, dass am Ende von „Frauenliebe und -leben“ die Frau stirbt? Aber der Text spricht doch eindeutig vom „Todesschlaf“ des Mannes! Doch, doch, das habe ich richtig gehört: Man hat nur ein kleines Wörtchen geändert: Statt „Mann“ heißt es „Knab‘ – die Frau bringt nach vielen Mädchen endlich den ersehnten Stammhalter zur Welt, der stirbt direkt nach der Geburt, die Frau beklagt also den Tod ihres Kindes, und verbleicht dann selbst. Na, ich bin gespannt…
Frauenliebe und -leben: Die Sängerin im zeitgenössischen Kleid, langärmelig und hochgeschlossen, mit langem weitem Rüschen-Reifrock und Clara-Schumann-Frisur.
„Was haben diese Lieder mit uns heute zu tun?“
Gar nichts – der Liederzyklus wird auf die Bühne gebracht, um DEN MANN, den Patriarchen, anzuprangern.
Der Chamisso-Text bietet dafür natürlich echte Steilvorlagen – man hat die unterwürfigen Zitate entdeckt, das war zu erwarten: Wie blöd kann man als Frau sein, einen Mann anzuschwärmen? Wie bescheuert, ihm „dienen“ oder sich „dem Herrn verneigen“ zu wollen!
Weitere Lieder werden grob verbogen, um sie dem Konzept unterzuordnen: Die erste Schwangerschaft wird kurzerhand in das 5. Lied vorverlegt und das zauberhafte, innige „Süßer Freund“, in welchem die junge Frau ihrem Geliebten ihre Schwangerschaft gesteht, wird zur Dauerschwangerschaft umgedeutet, aus Freudentränen werden Tränen der Erschöpfung und Verzweiflung ob der sich immer weiter vergrößernden Schar von Töchtern. „Dein Bildnis“ soll sich bitte endlich in einem Knaben zeigen!
„An meinem Herzen“ – das macht in diesem Zusammenhang gar keinen Sinn – „Nur eine Mutter weiß allein, was Lieben heißt und glücklich sein“ – da hätte man, wenn man’s denn aktualisieren wollte, doch den Neid der Trans-Frauen auf die schwangeren „Cis-Frauen“ thematisieren können, lieber Herr Kratzer, da haben Sie einen billigen Gag verschenkt!
Schließlich sehen wir eine durch ständige Schwangerschaften ausgelaugte, ans Sofa gefesselte Frau. Die letzte Geburt findet unter der Bettdecke auf offener Bühne statt, die Hebamme zieht das tote Kind hervor. Noch einmal greift die Hebamme unter die Bettdecke und präsentiert dem Publikum ihre blutigen Hände – Kopf und Arm der Protagonistin sinken dekorativ zur Seite. Statt sie, wie bei Schumann / Chamisso, als trauernde Witwe zurückzulassen, macht ihr Mann sie zu seinem ersten Opfer, indem er sie so oft geschwängert hat, bis sie ihm endlich einen Sohn gebar.
So wird Schumann passend gemacht für den Kontext des Abends. In der Folge wird wohl niemand, der diesen Abend erlebt hat, diesen Zyklus je wieder hören wollen. Publikumsstimmen fanden die Lieder „von Anfang bis Ende schrecklich“, was leider auch daran lag, dass die Sängerin hinten im Hals singt und „Diaaa“ singt, statt „Dir“ – mir tut es weh um diese zarten, liebevollen Lieder.
Es folgen die Femizide des Herzogs Blaubart – die Liege vorn auf der Bühne unmittelbar als Freud-Couch erkennbar, daher ist es leider keine lustige Überraschung, dass Judith Therapeutin spielt und ihren Mann mit Taschentüchern versorgt, auch wenn diese Szene, wie im Programm geschrieben, „zum Schmunzeln“ verleiten soll.
Ist hier überhaupt etwas inszeniert? Man latscht von links nach rechts, die spannungsvollen Pausen der Musik werden in der szenischen Umsetzung ignoriert, und überraschend ist auch hier gar nichts – die Dame des Hauses knutscht in einer Ecke mit dem Hausmädchen und wird dafür erschossen, der erste Streich.
Eine Art Stewardess serviert den Gästen Drinks vor dem Fernseher, ein paar Aluhüte, haha, zwei Kinder spielen „Mondlandung“, dann stolpert die Frau auf der Treppe unglücklich in den Tod.
Per Video sehen wir einen Softporno, die Frau in roter Reizwäsche, die Strangulation führt vom Orgasmus in den Tod, naja, und am Ende befreit sich Judith mit Hilfe von Pfefferspray und kastriert den Herzog, statt zu seinem letzten Opfer zu werden, der böse Blaubart bleibt versehrt zurück.
Schade um die herrliche Musik, von Dirigentin und Orchester großartig gestaltet und von den Solisten wunderbar gesungen – das hätte man auch konzertant zeigen können.
Nach der Pause ein Filmchen: „Der moderne Mann“! Ein junger Mann küsst den Bauch seiner schwangeren Frau, Väter mit Babys auf der Brust, aus einem Ofen lockt ein dicker gebackener Vogel, dahinter erscheint das stolz grinsende Gesicht eines jungen Mannes mit Migrationshintergrund, dazu poppige Musik, man amüsiert sich!
Die Florentinische Tragödie beginnt mit einer Liebesszene, von der nicht deutlich wird, ob sie ernst gemeint ist: Man entledigt sich gegenseitig und selbst eines Teils seiner Kleider, ein leidenschaftliches Vom-Leib-reißen sähe anders aus, und sinkt in schlabberiger Unterwäsche auf das Kingsize-Bett, das in dieser Szene das Sofa und die Couch ersetzt. Unter der (Geburts-?) Bettdecke dieses Mal Cunnilingus, die Frau windet sich in gespielter Lust, der Liebhaber verzichtet nobel auf die eigene Befriedigung und verschwindet, klassisch, im Schrank, als der Ehemann naht. Der Ehemann stellt sich dumm und nutzt das schlechte Gewissen des Lovers, ihm seine Waren anzudrehen.
Der Liebhaber ist wieder angezogen, der Hausherr legt seine Kleider ab und den Morgenrock an, nur die Dame des Hauses läuft die ganze Zeit weiter in ihrer reizlosen Unterwäsche herum.
Dann kommt es doch zum Duell – der Hausherr besiegt den Liebhaber.
Die Dame des Hauses sieht, wie stark er ist, der Hausherr erkennt endlich die Schönheit seiner Frau – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Herzlicher Applaus für die Musik, ein paar Bravos für Sänger, Dirigentin und Orchester, man beklatscht den Regisseur ebenso leidenschaftslos wie es die Inszenierung war – für Jubel oder Buhs bietet die Aufführung nicht genug Aufwühlendes.
Aber mich wühlt dieser selbstherrliche Umgang mit den Schumann-Liedern auf, die mir so am Herzen liegen. Habe ich Kraft, für Schumann zu kämpfen?
Eigentlich nicht, aber dann kann ich es doch nicht lassen:
Hamburg, 13. April 2026
Sehr geehrter Herr Kratzer,
Ihr Umgang mit „Frauenliebe und -leben“ hat mich so traurig gemacht, dass ich Ihnen meine Gedanken dazu mitteilen möchte.
Diesen Zyklus habe ich in den letzten 30 Jahren immer wieder aufgeführt, und ich habe eine CD mit drei Liederzyklen von Robert Schumann aufgenommen. Gerade im letzten Jahr habe ich wieder einen Liederabend mit diesem Programm gegeben, dazu habe ich ein Buch fertiggestellt, in welchem ich zu jedem der Lieder einen Text geschrieben habe – die Lieder beschreiben „meine Geschichte“: Eine Frau verliebt und verlobt sich, sie heiratet, wird schwanger, freut sich gemeinsam mit ihrem Mann auf und über das Kind – und dann stirbt der Mann.
Warum sollte Sie das interessieren?
Der Text des Schumann-Zyklus‘ bietet etliche Steilvorlagen, ihn als Unterwerfung einer Frau zu deuten. Die entsprechenden Formulierungen sind inakzeptabel, und natürlich müssen wir als Interpretinnen uns fragen, welche Berechtigung diese Lieder heutzutage noch haben.
Ihre Lösung war, sie in einen Kontext der Ausbeutung und des Missbrauchs der Frauen bis hin zum Femizid zu stellen. Dafür mussten Sie die Lieder aber in einem Ausmaß verbiegen, das meiner Ansicht nach zu weit geht. Dabei geht es nicht darum, ein kleines Wort zu ändern. Die Reduktion einer Frau auf ihre Rolle als Gebärmaschine, vor allem eines Stammhalters, bei dessen Geburt auf offener Bühne erst der „Knabe“, dann die Mutter stirbt, ist weder durch den Chamisso-Text noch durch Schumanns wundervolle Musik auch nur im Entferntesten gedeckt.
Sie werden es wissen – „Helft mir, Ihr Schwestern“ bezieht sich auf die Hochzeitsvorbereitungen. Ihre Schwangerschaft gesteht die junge Frau ihrem Geliebten unter Freudentränen in „Süßer Freund“, dabei versagen ihr die Worte – das Entscheidende wird im kurzen, innigen Zwischenspiel des Klaviers ausgedrückt. Dieses zarte Lied zu missbrauchen, indem immer neue kleine Mädchen zum Vorschein kommen, tut weh! Damit machen Sie auch Ihre Sängerin und den Pianisten lächerlich.
„An meinem Herzen, an meiner Brust“ ist in diesem Kontext völlig sinnlos, das müssten Sie dann eigentlich streichen. (Wenn Sie zeitgemäß sein möchten: „Moderne Männer“ und Trans-Gender-Frauen beneiden die Cis-Frauen um die Erfahrung der Schwangerschaft und des Stillens …)
Die Frau sterben zu lassen, ausgelaugt durch die vielen Geburten, könnte eine berührende Idee sein. Wenn deren letzte aber unter der Decke auf offener Bühne stattfindet und die Hebamme anschließend ihre blutigen Hände zeigt, ist das einfach nur peinlich.
Was es mit dem Filmchen über den „modernen Mann“ auf sich hat, ist mir nicht klargeworden – nehmen Sie Ihre eigene Idee ernst?
Gerade Robert Schumann war ja ein „moderner Mann“! Seine Beziehung zu Clara war in den 1940er Jahren von tiefer Liebe und gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Unter dem Titel „Liebesfrühling“ hat Robert Schumann in dieser Zeit ein Gemeinschaftswerk der beiden mit Liedern nach Gedichten von Friedrich Rückert herausgegeben und dazu geschrieben: „Die Nachwelt soll uns ganz wie ein Herz und eine Seele betrachten und nicht erfahren, was von Dir, was von mir ist.“ – Dabei wurde Clara als Komponistin eben gerade nicht unterdrückt, sondern explizit auf eine gleichberechtigte Ebene gehoben.
Diesen Liederzyklus in einen Zusammenhang mit dem Missbrauch von Gisèle Pelicot und den Deepfakes von Collien Fernandes zu stellen, macht es Ihrem Publikum auf alle Zeiten unmöglich, sich auf andere Weise als die von Ihnen vorgegebene mit diesem Zyklus zu befassen. Wenn das Ihre Absicht war, ist es ihnen gelungen. Sie ersetzen dadurch aber den Missbrauch der Frau durch den Missbrauch der Kultur …
Ich lege Ihnen einmal meine „Auseinandersetzung“ mit den Liedern bei, um Ihnen eine Idee zu geben, was diese Lieder mit uns heute zu tun haben.
Die Themen Liebe, Schwangerschaft und Abschied von geliebten Menschen sind zeitlos, dafür muss man den Zyklus überhaupt nicht verbiegen!
Sie wissen besser als ich, wie KI arbeitet. Nicht lang, und über Schumanns Zyklus werden Ihre „alternativen Fakten“ kursieren, die den Tod des Sohnes und den Tod der Frau bei seiner Geburt verbreiten. Darauf können Sie vielleicht stolz sein, mich macht es unendlich traurig.
Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen
Julia Barthe






