Die Braut im Park

19. April 2023

„Wenn du siebzig wirst, ziehst du ein weißes Kleid an, gibst ein großes Fest auf Skansen, und ich komme zurück und heirate dich.“

Gräfin Gerda von Croneberg hat ihre letzten Habseligkeiten versetzt, um dieses große Fest auf einem Gutshaus bei Stockholm auszurichten, sie hat ihre Wohnung aufgelöst und sich von ihren Nachbarn verabschiedet – aber der Mann, auf den sie gewartet hat, kommt nicht.

Das Ziel, auf das sie vierzig Jahre lang hingelebt hat, ist erreicht – über ein „Danach“ hat sie nie nachgedacht. „Im Innersten hatte sie stets geglaubt, dass er doch erscheinen würde und dann das Leben, das eigentliche Leben, endlich seinen Anfang nehmen könnte. Alles Bisherige schien ihr nichts weiter gewesen zu sein als ein Abwarten, ein Warten auf ihn.“

Vom Beginn des Buches an gibt es keine Illusion – das Warten war vergeblich, und so schleicht sich die Gastgeberin beschämt und gedemütigt hinaus in den Park und setzt sich in der kalten Nacht im weißen Kleid auf eine Bank.

Dort arbeitet sie sich Stück für Stück zurück durch ein Leben, auf das sich Gerda nie wirklich eingelassen hat, in der Hoffnung, dass es sich von ihrem 70. Geburtstag an endlich erfüllen möge, aber „alles Hoffen und Warten auf das Eigentliche war das Eigentliche gewesen“.

Autorin Roswitha Quadflieg blättert Kapitel um Kapitel zurück, und wir folgen einer Frau, die jeder Laune nachgibt, die sich in immer neue Ideen verrennt, dabei im Schlepptau ihre Tochter, deren Bedürfnisse sie konsequent ignoriert – all das erkennt Gräfin Gerda von Croneberg in jener Nacht auf der Bank, in der sie Schicht um Schicht ihres Lebens abträgt, um zu der Begegnung mit dem Mann zu gelangen, auf dessen Wiederkehr sie vierzig Jahre lang hingelebt hat.

Diese vierzig  Jahre waren reich an Ereignissen, aber Gerda von Croneberg ist es nicht gelungen, etwas davon wirklich zu empfinden.
Keines ihrer vielen Vorhaben ist ihr geglückt, nichts hat ihr Erfolg oder Erfüllung gebracht.
Die Liste ihrer Stationen und Experimente ist lang und klingt exotisch, vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der dieses Leben sich entfaltet – Uppsala, Stockholm Portugal, Rom, Jerusalem, Ägypten, Ischia, Stuttgart, Lausanne, Paris, Lüneburg und wieder Stockholm.
Gerda hat sich als Pädagogin versucht, sie hat Beratung für Frauen von Alkoholikern angeboten, ein Pensionat für höhere Töchter und ein Kinderheim mit Angorakaninchen-Farm gegründet, nichts davon war von Dauer.
Die Gräfin hat eine spirituelle Heimat gesucht: Ihre Begeisterung für einen Spiritisten führt zu jahrelangem Verfolgungswahn; nach ihrer Konversion zum Katholizismus fällt sie in einer Papst-Audienz in Ohnmacht und wird „gezeichnet, nicht gesegnet“; auf der Pilgerfahrt nach Santiago die Compostela wird ihr schlecht und sie bahnt sich den Weg ins Freie, indem sie unter den peinlich berührten Blicken der Pilger mit brüchiger Stimme die Schwedischen Nationalhymne singt; gegen Ende ihres Lebens verbringt sie drei Jahre im Kloster und irritiert dort den ihr wohlgesinnten Pfarrer durch ein selbstgewebtes blaues Antependium, für das es im liturgischen Ablauf des Jahres bekanntlich keinen Platz gibt.

Gerda von Croneberg hat Bücher geschrieben, die niemanden interessieren – in jungen Jahren verfasste sie einen Roman über „das, was hätte sein können“, wenn der bewusste Per, dem sie ihr Leben gewidmet hat, nicht abgereist wäre, unter einem Pseudonym, weil sie einen Skandal befürchtet, der bleibt aber aus, weil ihre Geschichte so unspektakulär ist.
Sie meint, eine bedeutende Heilige wieder zu entdecken, der sie in ihrer Abhandlung „Das Leben der Heiligen Birgitta“ ein Denkmal setzen will, aber es gibt weder Rezensionen noch den erhofften großen Geldsegen, und ihren letzten Plan, einen „Blick auf die Heldentaten der Wikinger“ zu werfen, verwirklicht sie nicht mehr.
Als Bildhauerin ist die Dame ebenso erfolglos wie mit einem Filmverleih oder der Herstellung von Urnen.
Reich geboren, verliert Gerda von Croneberg unaufhaltsam ihren Besitz – ein Herrenhaus in Schweden verlässt sie, sodass es geplündert wird, sie flüchtet zur Tochter nach Berlin, aber die Familie wird ausgebombt, und ein Haus, das sie vom Vermögen der Tochter gekauft hat, fällt einer Zwangsversteigerung zum Opfer.

Eine skurrile Reihe von Männern durchzieht Gerdas Leben: Der deutsche Spiritist und Strindberg-Forscher Otto von Wolkenstein und der französischer Lebemann Vincent de Conze, ein schwuler Pianist auf Ischia und ein junger italienischer Maler, mit dem sie eine eher peinliche Affäre hat, ein sehbehinderter Student der Theologie und ein erblindeter Musiker mit Anfallsleiden, sowie ein Spezialist für Reisekrankheiten von Pilgern.

„Die Braut im Park“ hat im Erscheinungsjahr 1992 in mir einen Nerv getroffen, es ist aber das erste der „Bücher, die mein Leben verändert haben“, das mich nach dreißig Jahren nicht mehr begeistert.
Was mich damals betroffen hat: das Buch zu lesen, es schnell zu lesen, in der Erwartung, am Ende von der großen Liebe zu erfahren, zu erleben, dass ich das Buch ebenso flüchtig und oberflächlich gelesen habe, wie Gerda ihr Leben gelebt hat, ohne die vielen geschilderten Ereignisse zu würdigen, um am Ende zu begreifen, dass gar nichts Besonderes folgt: Die „große Liebe“ war nur eine Affäre mit einem unwürdigen Mann – auch in dem Buch ist „das Warten auf das Eigentliche schon das Eigentliche gewesen“.

Damals gab es in meinem Leben einen persönlichen Anlass, mich von der Beschreibung eines Lebens voller Selbsttäuschungen erschüttern zu lassen. Außerdem spiegelte Gerda meine narzisstische Mutter, und ich identifizierte mich mit dem „Warten auf das glückliche Ende“, als ich CDs aufnahm, die jetzt in meinem Keller lagern, und als ich mir viele Jahre lang wünschte, dass die vielen Dramen in meinem Leben endlich aufhören und nur noch „der ganz normale Wahnsinn“ herrschen sollte.

Beim zweiten Lesen nach dreißig Jahren scheint mir die Form der Darstellung zu kompliziert.
In einer Art „drei Jahre vor, sechs zurück“ arbeitet sich die Erzählung immer weiter in die Vergangenheit hinein, dadurch fällt es schwer, den Ablauf dieses ohnehin verworrenen Lebens zu begreifen.
Die Charaktere wirken eindimensional – Gerda, Ende des 19. Jh. geboren, ist rundum verblendet, folglich begeistert sich auch für den Nationalsozialismus, und aufgrund ihrer Unfähigkeit zu lieben ist sie durchweg egoistisch und rücksichtslos, vor allem ihrem Mann Arnold von Weissmantel und ihrer Tochter Selma gegenüber.
Erst in der Nacht auf der Parkbank wird ihr ihre Kälte bewusst: „Gerda war es, als sei immer Kälte von ihr ausgegangen, als sei es auch in ihrem Inneren immer kalt gewesen“, aber niemand leistet ihr jemals Widerstand.
Ihr Mann, den sie eigentlich nur geheiratet hat, um ihn ihrer Schwester Flora wegzuschnappen, gibt ihr in allem nach. Er übersieht ihre Affäre mit besagtem Per, es kommt zu einer leidenschaftslosen Scheidung, Arnold überlässt Gerda die Tochter, die Tochter wird dem Vater entfremdet, ihr wird sogar das Singen ausgetrieben, weil es an den Vater erinnert.
Selma fügt sich klaglos in ihr freudloses Leben, sie leidet unter den ständigen Ortswechseln, aber sie lehnt sich nie auf. Trotz allem geht sie einen guten Weg – sie findet einen Mann, der sogar Arzt wird, bekommt Kinder, und sie bricht den Kontakt zur Mutter nie ab.

Gerda biegt sich die Realität zurecht – ihre Geschichten hat sie stets geschönt und verdreht, wohl auch vor sich selbst, aber „Am Ende muss man sich allem stellen“.
Das scheint mir ein frommer Wunsch zu sein – meiner Beobachtung nach ist eine „Läuterung“ kurz vor dem Ableben selten, eher flüchtet man sich in eine Demenz oder nimmt seine dunklen Geheimnisse mit ins Grab, aber vielleicht tue ich ihr und anderen damit unrecht.

Im Morgengrauen findet die Familie Gerda auf der Parkbank, da ist es aber zu spät, sie zu retten – Gerda von Croneberg stirbt noch in dieser Nacht.

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