30 Jahre Michel

Den folgenden Text habe ich am 12. Mai 2019 als Programmheft einer Abendandacht im Michel verteilt.

Im Frühjahr 2019 jährt sich mein erster „Einsatz“ in der Hauptkirche St. Michaelis zum 30. Mal.
Fast 20 Jahre lang war ich die „Haus- und Hof-Sopranistin“ des Michels. Bis zu 40mal im Jahr sang ich dort, der Michel war wie mein zweites Zuhause.

In den letzten Jahren bin ich aus dem kirchenmusikalischen Geschehen (nicht nur hier) weitgehend „herausgerutscht“. Das erlebe ich mit Wehmut, aber vorwurfsfrei und ohne Bitterkeit. Schon vor einigen Jahren sang ich eine Johannespassion, in welcher die übrigen vier Solisten meine Kinder hätten sein können, das war ein echtes Erlebnis.

So ganz „sang- und klanglos“ möchte ich den Generationswechsel aber doch nicht über mich ergehen lassen und möchte daher in der heutigen Abendandacht Abschied nehmen von einer wichtigen Lebensphase.

Ob es noch Gelegenheiten geben wird, anlässlich derer ich im Michel auftreten darf oder nicht – die prägende Zeit, in welcher ich mich dieser Kirche innig verbunden und als ein Teil des „Großen Ganzen“ gefühlt habe, ist unwiederbringlich Vergangenheit. Ich bin aber dankbar, dass ich mich viele Jahre als Teil dieser Gemeinschaft fühlen durfte und werde als Stimmbildnerin der Kinder- und Jugendchöre auch weiterhin dazu beitragen, den Michel mit Klang zu erfüllen.

Heute möchte ich Kompositionen singen, die mich mit besonderen Momenten und Orten in diesem „Tempel“, wie Gerhard Dickel zu sagen pflegte, verbinden.

Eröffnen möchte ich diese Abendandacht mit einer Komposition von Wolfgang Andreas Schultz:  „Die Schöpfung ist zur Ruh gegangen“

Im Jahr 2009 war der Michel „wegen Renovierung geschlossen“. Vor der Wiedereröffnung gab es eine Andacht zwischen Baugerüsten. Es stand die Idee im Raum, auf der kleinen Empore über der Südempore eine Orgel zu bauen und Manuel schickte mich hinauf, A-capella-Lieder von Hildegard von Bingen zu singen, um den Klang von dort oben auszutesten. Das scheint ein Erfolg gewesen zu sein, jedenfalls steht dort seit 2010 die Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel.

Heute möchte ich aber nicht Hildegard von Bingen singen, sondern eine andere A-capella-Komposition, die mir sozusagen „auf die Stimme geschrieben“ wurde:

Als ich meinen späteren Mann Christian kennen lernte, sorgte der schnell dafür, dass wir gemeinsam Konzerte bestritten. Dabei wurmte es mich in meiner jugendlichen Eitelkeit, dass er große Orgelwerke spielte, die 15 bis 20 Minuten dauerten und ich dazwischen meine kleinen Liedchen von Dvorak, Schütz oder Bach-Schemelli trällerte. Um meinen Anteil etwas aufzuwerten, baten wir den Komponisten Wolfgang Andreas Schultz, welcher mich an der Musikhochschule in Gehörbildung und Harmonielehre unterrichtet hatte, mir ein Stück für Stimme allein, ohne Beteiligung der Orgel, zu komponieren.
Zu meiner Freude erfüllte er uns diesen Wunsch, und so entstand die Motette „Die Schöpfung ist zur Ruh gegangen“nach einem Text von Dschelaleddin Rumi, von Friedrich Rückert ins Deutsche übertragen, welche ich seitdem immer wieder mit großer Begeisterung singe.

Die Schöpfung ist zur Ruh‘ gegangen, o wach in mir!
Es will der Schlaf auch mich befangen, o wach in mir!
Du Auge, das am Himmel wachet mit Sternenblick,
Wenn mir die Augen zugegangen, o wach in mir!
Du Licht, im Äther höher strahlend als Sonn‘ und Mond;
Wenn Sonn‘ und Mond ist ausgegangen, o wach in mir!
Wenn sich der Sinne Thor geschlossen der Außenwelt,
So laß die Seel‘ in sich nicht bangen, o wach in mir!
Laß nicht die Macht der Finsternisse, das Grau’n der Nacht
Sieg übers inn‘re Licht erlangen, o wach in mir!
O laß im feuchten Hauch der Nächte, im Schattenduft
Nicht sprossen sündiges Verlangen, o wach in mir!
Laß aus dem Duft von Edens Zweigen in meinem Traum
Die Frucht des Lebens niederhangen o wach in mir!
O zeige mir, mich zu erquicken, im Traum das Werk
Geendet, das ich angefangen, o wach in mir!
In deinem Schoße will ich schlummern, bis neu mich weckt
Die Morgenröte deiner Wangen; o wach in mir!

Einige Jahre gab es das „Vokalensemble St. Michaelis“. Es war ein vierstimmiges Ensemble, bestehend aus mir am Sopran, Hansjörg Albrecht, Countertenor, Knut Schoch, Tenor, und entweder Stefan Loges oder Till Schulze, Bass. Hansjörg, Stefan und Till kamen aus dem Dresdner Kreuzchor nach Hamburg, um am Michel ihren Zivildienst zu absolvieren. Hansjörgs Aufgabe war es dabei, Gerhard Dickel zu unterstützen. Alle vier sind später beeindruckende berufliche Wege gegangen.

Wir hatten eine sehr intensive, lustige Zeit miteinander und sangen in vielen Andachten, Gottesdiensten und auf Reisen zahlreiche Kompositionen von Schütz bis Strawinski.

Zwischen Proben und Aufführungen stärkten wir uns in Hansjörgs Wohnung mit echtem Dresdner Christstollen. Unvergessen ist mir die Probe für eine gregorianische Dankgebets-Improvisation, in welcher Knut sang: „Wir danken Hansjörg für den lauwarmen Fen-chel-tee!“ Während der Andacht hat er sich diesen Satz verkniffen, aber ich musste sehr an mich halten, an dieser Stelle nicht zu kichern.

Gerhard Dickel forderte und förderte mich und viele andere, die ihn erleben durften, auf seine einzigartige Weise, nach außen rau und fast unverbindlich, unter der harten Schale aber sehr einfühlsam und warm mit großem sozialem Engagement. Wir haben uns bis zum Schluss gesiezt, aber ich denke, wir hatten trotzdem eine besondere Verbindung.

Anlässlich der Trauerfeier für meinen verstorbenen Mann 1997 habe ich Gerhard Dickel gebeten, die Orgel zu spielen, da war es dem tief gläubigen Christen wichtig, dass „Christ ist erstanden“ erklang.

Für seine eigene Trauerfeier hat Gerhard Dickel die Musik und den Ablauf selbst geplant und es hat mich sehr berührt, dass ich für ihn das Pie Jesu aus dem Fauré-Requiem singen durfte.

Auch das „Vokalensemble St. Michaelis“ hat in dieser Andacht gesungen, daher möchte ich im Gedenken an Gerhard Dickel „O magnum mysterium“ singen, eine Komposition, die ihm viel bedeutet hat.

Und so fing alles an: Eines schönen Mittags im Frühjahr 1989 saß ich nichts ahnend in meiner Studentenwohnung, als das Telephon klingelte: „Hier ist D. Hast Du heute Nachmittag Zeit? Um 15.30 Uhr soll im Michel die Krönungsmesse von Mozart aufgenommen werden, die Sopranistin ist krank und wir brauchen dringend Ersatz“. Woher mich D. „damals“ kannte, weiß ich bis heute nicht. Ich war 23 Jahre jung und noch ganz am Anfang meines Weges.

Einmal im Michel zu singen ist der Traum eines jeden Sängers, der sich mit Kirchenmusik beschäftigt, auf einen derartigen Anruf hofft mancher sein Leben lang. Zufällig hatte ich die Noten der „Krönungsmesse“ im Schrank stehen, wenngleich noch nie gesungen, aber ich überflog kurz die Partie und war naiv und unverfroren genug, den Auftrag anzunehmen.

So fand ich mich anderthalb Stunden später auf der Empore des Michels ein, um die Messe während der Aufnahme vom Blatt zu singen, was natürlich niemand wissen durfte. Das ging erstaunlich gut. Die Einwürfe im Kyrie, Gloria und Credo sowie das Soloquartett im Benedictus klappten reibungslos und sogar die Sopranarie, das wunderschöne „Agnus Dei“, gelang mir ohne Aussetzer, aber plötzlich stieß ich auf zwei kleingedruckte Noten, die den Übergang vom „Agnus Dei“ zum „Dona nobis pacem“ bildeten und wusste überhaupt nichts damit anzufangen. Überrascht und verwirrt fragte ich: „Was soll ich denn jetzt machen?“ – Woraufhin Gerhard Dickel explodierte: „Sie können doch nicht in die Aufnahme reden!“

Nun war es mit meiner Selbstsicherheit vorbei. Die nette Alt-Kollegin, gab mir zwar einen Tipp, wie die beiden kleinen Noten zu gestalten wären, aber so oft wir die Stelle auch wiederholten, der Übergang wollte einfach nicht überzeugend gelingen, meine Stimme wurde immer verspannter. Am Ende muss ich ziemlich schrecklich geklungen haben.

Tief beschämt ging ich nach Hause. Herr Dickel verabschiedete sich kaum von mir, den Kollegen mochte ich nicht in die Augen schauen und ich war sicher, dass ich hier zum ersten und zum letzten Mal gesungen hätte.

Aber wie durch ein Wunder war das der Auftakt zu einer mittlerweile 30 Jahre währenden Verbindung zur schönsten Kirche Hamburgs. Man verzieh mir meinen Fauxpas, obgleich sich nur die ersten drei Sätze der Krönungsmesse zur Veröffentlichung eigneten.

An dieser Stelle möchte ich ein wenig ausholen.

Im Herbst 2009 durfte ich mit der Kantorei St. Michaelis auf eine legendäre Konzertreise nach Rom mitfahren.

Es waren einmalige, unvergessliche Tage! Nie habe ich so viele wunderschöne Frauen gesehen, nicht mehr ganz jung, mit grauen Haaren und Lachfältchen, die nicht gegen das Älterwerden kämpfen, Frauen, die wirklich die Bezeichnung „tolle Frau“ verdienen. Mit fast jedem aus dem Chor habe ich mich unterhalten, beim Essen, im Bus, auf dem Weg zu Besichtigungen, es gab intensive Begegnungen, gute Gespräche, echte Herzlichkeit und Wärme, Manuel und seine Frau Anne stets „mittenmang“ – erfüllte Tage, in denen viel Vertrautheit gewachsen ist.

Am letzten Abend gestalteten wir eine Abendandacht in der deutschsprachigen Kirche „Santa Maria dell’Anima“. Die lag verborgen in einer Seitenstraße, ein prächtiges Gebäude, das in anderen Städten zum Wallfahrtsort würde. Hier war die Kirche aber nur einer von unendlich vielen Prachtbauten und zwei Straßen weiter konnte uns niemand sagen, wo sie zu finden war.

Zum Abschluss des Abendgottesdienstes sollte ich ein Ave Maria singen und hatte das Ave Maria von Giulio Caccini vorgeschlagen, ein Stück, das fast nur aus Quintfallsequenzen besteht, ein schlichtes Harmonieschema, das häufig verwendet wurde, vor allem von Vivaldi, und das nie seine Wirkung verfehlt. Oft, wenn ich Musik höre und denke: „Oh, wie schön!“, handelt es sich gerade um fallende Quinten.

Hier wird das Prinzip auf die Spitze getrieben. Der Text besteht nur aus drei Worten: „Ave Maria, Amen“. Auch von „Melodie“ kann man kaum sprechen –es erklingen lang gehaltene Töne über den Akkorden, reduzierter kann Musik kaum sein. Und ja, ich weiß, das Werk ist gar nicht von Caccini, sondern in den 1970er Jahren von einem unbekannten Russen namens Vladimir Vavilov geschrieben.

In diesem Moment geschah plötzlich etwas in dieser besonderen Kirche, mit diesen wunderbaren Menschen, am Ende dieser einzigartigen Reise, auf der winzigen, verborgenen Orgelempore. Ich konnte dort gerade eben stehen, sah niemanden und wurde von niemandem gesehen, über mir das reich verzierte Gewölbe, vor mir die Säulen und Bögen der Kirche.

Vom ersten Ton meines Vortrages an verband sich meine Stimme mit meiner Seele, mit der Kirche, mit den Menschen des Chores, mit meinem ganzen Leben. Jeder Ton war wie ein Gebet, wie eine Botschaft des Himmels. Nie habe ich so viel gegeben, mich nie so geöffnet, nie war ich so frei, so klar wie in diesem Moment – vier Minuten, die mein Leben verändert haben!

In der Wiederholung verzierte ich die Melodie. Die Varianten hatte ich morgens beim Erwachen plötzlich im Kopf, jetzt sang ich sie zum ersten Mal. Die Umspielungen nahmen die Harmonien auf, reicherten die schlichte Grundmelodie an, gegen Ende schwang sich meine Stimme in die Höhe und füllte den gesamten Kirchenraum, klar und warm, voll und tief. Beim „Amen“ zitterten mir die Knie.

Ich hatte alles gegeben, meine Seele von innen nach außen gekehrt, mich ganz entblößt – wie sollte ich da wieder herausfinden?

Der Organist flüsterte „danke“, in der Kirche war es still. Totenstill. Niemand bewegte sich. Die sechs Priester sollten während meines Gesanges aus der Kirche ausziehen, sie waren stehen geblieben, um zu lauschen.
Ich spürte, einen solchen Moment würde ich nie wieder erleben!

Auf keinen Fall konnte ich jetzt von der Empore herunter gehen. Ich wartete in der atemlosen Stille, wagte kaum, mich zu bewegen und hoffte, dass alle gegangen seien.

Nach endlosen Minuten schlich ich mich dir Treppe hinunter, da saßen alle noch auf ihren Plätzen, niemand hatte sich bewegt. Nackt und bloß musste ich durch den Chor gehen.

Der Erste kam auf mich zu und drückte mich wortlos, eine Altistin umarmte mich mit Tränen in den Augen. So ein intensives gemeinsames Erlebnis, das war nur in dieser Konstellation mit diesen wunderbaren Menschen, in dieser einzigartigen Kirche, auf dieser besonderen Reise möglich!

Jemand hat später formuliert: „Julia kann verzaubern. In Rom hat sie ein Ave Maria gesungen, da hat der ganze Chor weiche Knie bekommen und alle wollten sie heiraten.“

Aber in diesem Moment tat er das einzige, was mir aus dieser magischen Stimmung heraus half. Er nahm mich fest in den Arm: „Du blöde Kuh! – Das war ironisch gemeint!“ Das löste die unerträgliche Spannung in Gelächter auf!

Als ich auf Wunsch des Chores versucht habe, das „Ave Maria“ am folgenden Tag gleich noch einmal zu singen, war ich vollkommen überfordert und fühlte mich wie ein Scharlatan. Mir war klar, dass ich nicht wieder so einen „magischen Moment“ schaffen konnte, aber wenn ich mich von diesem Anspruch löse, kann ich dieses besondere Werk mit meinen „persönlichen Verzierungen“ doch genießen.

Als ich anfing, im Michel zu singen, hatte der Knaben- und Jugendchor eine Reihe von Messen im Repertoire, die im rotierenden Wechsel zu den großen Festen erklangen. Gerhard Dickel jonglierte mit diesen Messen zwischen Weihnachten, Ostersonntag, Pfingstmontag, Johannistag, St. Michaelistag und Totensonntag. Neben der Krönungsmesse waren Mozarts „Spatzenmesse“, die Messe in B-Dur KV 275 und die G-Dur-Messe von Franz Schubert feste Bestandteile des Repertoires. Diese Messe war auch die erste Komposition, die ich überhaupt mit Chor und Orchester gesungen habe. Ich hatte 1988 Christian kennen gelernt, der einen Kirchenchor in Schenefeld leitete und mich für meinen ersten größeren Auftritt engagierte. Das „Orchester“ war ein Streichquintett, aber immerhin – für mich war es ein wichtiges Debut!

Gerhard Dickel hatte viele Ideen, die er unerschütterlich in die Tat umsetzte. Im Laufe der Jahre entstanden einige spannende Projekte, die sich heute als feste Institutionen etabliert haben. Eine dieser Ideen war, die sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums an den zugehörigen Tagen aufzuführen. Dieser Plan scheiterte jedoch am Einspruch des „großen Michel-Chores“ unter der Leitung von Günter Jena, da eine der Haupt-Attraktionen (und Einnahmequellen) die fünfmalige Aufführung dieses Werkes am Wochenende des dritten Advents war und man Bedenken hatte, ebenjene Komposition an gleicher Stelle quasi als Konkurrenz im eigenen Haus kostenlos anzubieten. So einigte man sich, für die Abende vom 25. Dezember bis zum 1. Januar um 18 Uhr je eine zum Jahresende passende Kantate einzustudieren. Seitdem wird am 25.12. abends um 18 Uhr die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums aufgeführt, immerhin das war möglich. An den übrigen Tagen erklangen herrliche Kantaten wie „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“ oder „Gottlob, nun geht das Jahr zu Ende“ und ab und zu wurden auch andere Kantaten des Weihnachtsoratoriums dazu „gemogelt“. Wir verbrachten also die Tage zwischen den Jahren fast ununterbrochen im Michel. Die Krippenandachten sind seitdem unverzichtbarer Bestandteil des Weihnachtsfestes, inzwischen hat sich aber das Repertoire der Andachten verändert und es war Manuels geniale Idee, die Kollegen der anderen Hauptkirchen dazu einzuladen.

Wie erwähnt, wird im Michel am Wochenende des dritten Advents „das Weihnachtsoratorium“ aufgeführt. In der 4. Kantate erklingt die so genannte „Echo-Arie“, „Flößt, mein Heiland“. Hier singt die Sopranistin ihre wunderschöne Arie, während „aus dem Off“ eine zweite Sopranistin die Phrasenenden „Ja“ und „Nein“ erklingen lässt. Dieses Echo durfte ich als junge Studentin aus dem Herrensaal für die „großen Solistinnen“, z.B. für Helen Donath, singen.

Ich habe damals gezählt – die „Echo-Partie“ umfasst genau 27 Töne. Für diese 27 Töne bekam ich 500 DM Gage, also 18,52 DM pro Ton, was ich schon damals fürstlich bezahlt fand. Bis heute habe ich nie wieder so eine „Quote pro Ton“ bekommen.

Heute möchte ich diese Arie mit meiner Schülerin J. musizieren und die „Stabübergabe“ an die nachfolgende Generation damit einläuten.

Es hätte mir gefallen, das „Echo“ von der Fernwerk-Orgel aus zu musizieren, da ich auch diesen Ort mit eingeweiht und unmittelbar nach dem Einbau dieser neuen Orgel 2009 aus dem „Loch in der Decke“ heraus gesungen habe, das verbietet sich aber aus praktischen Gründen.

Ganz besonders berührend waren für mich die Lesungen mit Heinz Rühmann.
Dieser gebrechliche, kleine, alte Mann trat Ende der 80er Jahre bis kurz vor seinem Tod 1994 im Advent im Michel auf und las mit seiner schon etwas brüchigen, aber unverwechselbaren Stimme Gedichte und Geschichten, während ein kleines Ensemble zwischen den Texten unter der Leitung von Günter Jena adventliche und weihnachtliche Sätze musizierte. Diese Lesungen waren stets ausverkauft bis auf den letzten Platz. Das letzte Lied war immer „Guten Abend, gute Nacht“.

1992 wurde eine CD von dieser besonderen Veranstaltung produziert. Da war Heinz Rühmann 90 Jahre alt. Eines Abends im Sommer trafen wir uns im Michel, um die Musikstücke aufzunehmen.

Die Solistin litt an diesem Abend unter Migräne und hatte Schwierigkeiten, die Intonation zu halten. Ihre Soli, „Vom Himmel hoch“ und „Guten Abend, gute Nacht“, wurden bei jedem Durchgang zu tief. Sie gab sich alle Mühe, ihre Sache so gut wie an diesem Abend nur möglich zu machen, es wurde aber leider nicht besser und sie ging dann nach Hause. Der Rest der Aufnahmen fand ohne sie statt.

Am Ende des Abends, nachdem wir alles aufgenommen hatten, gab der Tonmeister zu bedenken, dass es sehr schade um diese beiden Soli sei, aber so könne man die nicht guten Gewissens veröffentlichen. So kam es dazu, dass ich im Anschluss an drei Stunden Aufnahmen die beiden Soli noch einmal sang.
Es gibt vieles, was ich nicht kann, aber zwei Qualitäten kann man mir nicht absprechen: Ich singe wirklich sauber und ich bin sehr belastbar. Deshalb ist nun meine Stimme auf der Aufnahme zu hören. Nach einer der letzten Lesungen lud Heinz Rühmann alle Beteiligten zu einem kleinen Empfang ein und er bat mich zu sich, um mir die Hand zu geben, da ihm meine Stimme offenbar gefallen hat.

Eine kleine private Anekdote zu dieser CD: Als ich meinen Freund kennenlernte, hatten wir unsere erste Verabredung anlässlich einer Abendandacht im Michel. Im anschließenden Gespräch erwähnte ich, dass ich an der CD mit Heinz Rühmann mitgewirkt hätte, da berichtete er, dass er eben jene CD besitze und sie seit Jahren an jedem Weihnachtsfest höre – ich hatte also, ohne dass wir es wussten, schon seit Jahren an seinen Weihnachtsfesten einen kleinen Anteil gehabt. Inzwischen ist es ein festes Ritual, dass wir Weihnachten diese CD gemeinsam hören und dabei ein paar Tränchen fließen lassen.

Abschließend möchte ich ein unbekanntes „Alleluia“ von Antonio Vivaldi singen. Auch dieses Stück begleitet mich schon sehr lange. 1988 hörten Christian und ich im Meldorfer Dom ein Konzert mit zwei holländischen Künstlern, in welchem die Motette „O qui coeli terraeque“ erklang. Dieses Stück hat uns so begeistert, dass Christian heimlich die Sopranistin ansprach und sie nach den Noten fragte, welche er mir zu meiner riesigen Überraschung und Freude wenig später zum Geburtstag schenkte. Die Motette haben wir oft miteinander musiziert, später habe ich eine Fassung für Sopran und Streichorchester daraus gemacht.

30 Jahre Michel – das ist eine lange Zeit und es gibt noch viele weitere Erlebnisse, Begegnungen und Anekdoten. Ein paar dieser Geschichten möchte ich noch erwähnen, ohne dazu zu singen.

Während meines Studiums an der Hamburger Musikhochschule hatte ich große Schwierigkeiten.

Es hat mich nie zur Opernbühne gezogen. Mein Traum war eine Anstellung im NDR-Chor, nebenbei wollte ich Konzerte singen. Das laut zu sagen war aber ein Fehler, denn man wollte mich daraufhin nicht zur Diplomprüfung zulassen mit der Begründung, man bilde an diesem Institut keine Chorsänger aus. Von Gerhard Dickels Reaktion darauf wurde mir nur berichtet – mit mir selbst hat er nicht gesprochen, aber er wurde in seiner unnachahmlichen Art zitiert:
„Wir bestellen ein Orchester und Frrrau Barthe singt „Exsultate, jubilate“ und „Jauchzet Gott in allen Landen, dann soll die Prrrrüfungskommission mal in den Michel kommen!“ Es hat mich sehr berührt, wie intensiv Gerhard Dickel an meinem „Schicksal“ Anteil genommen hat und wie sehr er „hinter meinem Rücken“ versucht hat, für mich Fäden zu ziehen. Im zweiten Anlauf wurde ich dann aber doch zur Diplomprüfung zugelassen und ich habe als Generalprobe für mein Diplomkonzert 1993 ein Konzert im Gemeindesaal des Michels gegeben, zu welchem Hansjörg extra alle Topfpflanzen aus seiner Wohnung herübergeschleppt hat, damit der große Saal ansprechend aussehen sollte.

Die „Große Renovierung“ der Krypta fand erst 2007 statt, der Altar wurde 2008 geweiht, aber schon 1995 organisierte Hansjörg Albrecht in den wieder zugänglichen Gewölben eine sehr schöne Konzertreihe, die leider nicht mehr besteht. Es traten jeden Freitagabend kleine, feine Kammermusikensembles auf, dazu gab es „Michel-Brot-und-Wein“. Die umliegenden Hotels und Gaststätten boten in der Konzertpause Speisen und Getränke an. Dafür bekamen sie einen festen Etat, den sie auf sehr unterschiedliche Weise nutzten: Einige stellten ein paar Häppchen hin, andere warfen sich gewaltig ins Zeug und offerierten ein üppiges Buffet. Damit verdienten sie möglicherweise nicht viel, aber es war eine hervorragende Werbung für ihre Etablissements.

Vor allem meine Tochter hat als Baby und Kleinkind viel Zeit im Michel verbracht. Im November 1995 geboren, war sie ab Dezember bei allen Veranstaltungen dabei. Sie wurde in der Garwekammer neben dem Altarraum gestillt und krabbelte später mit den Kindern anderer Musiker zusammen im Herrensaal – der wurde während der Krippenandachten zu einem kleinen Kindergarten „umfunktioniert“.

Legendär ist ein Adventskonzert des Christianeums, in welchem ich vorn an der Brüstung stehend die Krönungsmesse sang, dabei meine zweijährige Tochter an der Latzhose festhaltend, die nicht bei ihrer Babysitterin bleiben wollte und vergnügt und neugierig über die Brüstung nach unten schaute, wo das Publikum entsetzt die Arme bereit hielt, das Kind aufzufangen. Ich habe die Szene in dem Moment gar nicht als schlimm empfunden, ich war sicher, Kind und Stimme „im Griff zu haben“, aber von außen betrachtet wirkte das wohl ziemlich dramatisch und bisweilen werde ich heute noch darauf angesprochen.

Als wir ständig im Michel aus- und eingingen, wussten wir dieses Privileg nicht wirklich zu schätzen. Es war viel zu normal, auf der Empore an der Brüstung zu stehen und zu singen, was wir teils erst unmittelbar vor dem Gottesdienst in die Hand gedrückt bekamen.

Niemand konnte das Schluss-T so eindrucksvoll in die Länge ziehen wie Hauptpastor Adolphsen, sein „Gebetsss zu Gottsss“ erinnerte immer ein wenig an die Asbach Uralt-Werbung „Der Geistsss des Weinessss“. Während der Predigten flüchteten wir in den Herrensaal, bis uns freundlich, aber nachdrücklich nahegelegt wurde, unsere Rolle als Gottesdienstteilnehmer respektvoll auszufüllen.

Es gab den unsäglichen Streit um die Nachfolge von Günter Jena, als der „ehemalige Michel-Chor“, der schlauerweise einen Verein gegründet hatte, mit der gut gefüllten Vereinskasse und dem Flügel im Gepäck unter Protest gegen Christoph Schöner den Michel verließ, das „Hamburger Abendblatt“ instrumentalisierend („Man erlaubt dem armen Chor nicht einmal mehr drei Auftritte jährlich im Michel“ – das sollten aber Karfreitag, Totensonntag und der dritte Advent sein). Da war Gerhard Dickel, der seinem neuen Kollegen nach dessen erstem Gottesdienst demonstrativ applaudierte; da war auch der „Knaben- und Jugendchor“, der wenige Jahre später ein Haus weiter in den Kleinen Michel zog, um wiederum gegen Manuel Gera zu protestieren – es hat sich alles zurechtgerüttelt!

Einer der berührendsten Momente im Michel war der Abschied von der kleinen Frau Hesse, die viele Jahre lang am Eingang des Michels stand und Gesangbücher verteilte. Jedes Mal, wenn ich ihr begegnete, erinnerte sie mich daran, dass ich es ihr verdankte, im Michel zu singen, denn bei meinem ersten Einsatz hatte sie mir auf meine Frage hin den Weg auf die Empore zu Herrn Dickel gewiesen. Ohne ihren Hinweis hätte ich den bestimmt nicht gefunden, das sollte ich nie vergessen! Frau Hesse starb auf schreckliche Weise.
Ihre Trauerfeier war für mich ein beispielloses Zeichen für die tiefe Anteilnahme und Wärme, zu welcher die Gemeinschaft von Pastoren und Musikern an St. Michaelis in der Lage ist! Es waren alle drei Pastoren und beide Kirchenmusiker beteiligt, der Posaunenchor spielte, ein Chor sang und Herr Röder hielt eine sehr persönliche, fast liebevolle, teils urkomische, teils tief erschütternde Ansprache über das Leben und Wirken dieser winzigen Frau, die im Michel den Platz gefunden hatte, an welchem sie zu Hause war und sich unentbehrlich fühlen konnte.

Epilog

Mein 30jähriges Jubiläum im Michel liegt nun hinter mir.

Monatelang habe ich geplant und organisiert. Ich habe überlegt, welche Kompositionen mir im Zusammenhang mit meiner Zeit im Michel besonders am Herzen lagen und mit wem und von wo aus ich sie singen wollte.

Meine „Wunschkandidaten“ waren sofort bereit, mitzuziehen. Es ist mir gelungen, ein sehr professionelles vierstimmiges Vokalensemble sowie ein kleines „Orchester“, bestehend aus Oboe, Violine, Cello und Orgel zusammenzustellen, und „meine Kinder“ aus dem Kinder- und Jugendchor sind gekommen, mit mir gemeinsam zu musizieren.

Hauptpastor Röder hat alle meine Wünsche „durchgewunken“, obwohl einige der Musikstücke eindeutig nicht in den Mai gehörten, aber er fand, es sei „immer Weihnachten“, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Am Ende hat sich aber bestätigt, dass es gut und richtig war, diese Andacht auch als Abschied zu zelebrieren.

Trotz meiner minutiösen Planung ist einiges unglücklich gelaufen.

Ich wollte mit der Probe eine halbe Stunde vor Beginn der Andacht fertig sein, um noch etwas zu essen und mich in Ruhe auf die Andacht einzustimmen.

Den gut durchdachten Ablauf der Vorprobe habe ich mir leider aus der Hand nehmen lassen, was in allerbester Absicht geschah, aber dadurch war ich bis unmittelbar vor Beginn des Gottesdienstes „im Einsatz“.

Ich hatte Kuchen für alle gebacken und Getränke bereitgestellt, um meiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen, dass so viele wunderbare Menschen diese Andacht mit mir gestalteten. Ich hatte diesen Text gedruckt und verteilt und mir kleine Geschenke für meine Mit-Musikanten überlegt. Alle sollten sich wohl fühlen und auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen – nun war ich selbst am ganz anderen Ende der Kirche und hatte keine Chance, mir noch meine belegten Brote oder meinen Tee aus dem Herrensaal zu holen, geschweige denn noch ein wenig durchzuatmen und abzutauchen. Die Glocken läuteten schon, und so ging ich hungrig, durstig und erschöpft in diese Veranstaltung.

Monatelang hatte ich die Stücke gut geübt, ich war „eigentlich“ stimmlich in Topform, aber in diesem Moment konnte ich das nicht abrufen.

Mein erstes Stück sang ich a capella von der Empore der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel ganz oben im Kirchenraum, da musste ich die höchsten Töne schon drücken.

Manches klappte gut, vor allem das „Ave Maria“ begleitete der Organist ganz wunderschön, aber alles, was in die Höhe ging, war anstrengend, und in der Mitte des Gottesdienstes war ich nicht sicher, ob ich bis zum Ende durchhalten könnte.

Ja, solche Situationen gab es auch in jüngeren Jahren schon; ja, ich bin selbst schuld, wenn ich so blöd bin, nicht für mich zu sorgen; ja, ich bin professionell genug, dass man mir meine Schwäche nicht anmerkt; ja, es waren zahlreiche liebe Menschen gekommen, mit mir diesen besonderen Tag zu feiern, die „trotzdem“ berührt und begeistert waren, auch die Musiker haben mich sehr gelobt; ja, es war gut, dass ich diese Veranstaltung organisiert habe, um eine Art Abschiedszeremonie zu feiern; ja, es war ein sehr besonderer, intensiver Gottesdienst; ja, vieles ist trotzdem sehr schön gelungen, „eigentlich“ waren es nur ein paar hohe Töne, die angestrengt klangen und dieses Phänomen ist nicht neu, aber einer „alternden Sopranistin“ verzeiht man das nicht ohne Weiteres, vor allem verzeihe ich selbst es mir nicht.

Nach einem köstlichen Abendessen in unserem Lieblingsrestaurant ging es mir aber schnell besser.

Der Michel ist und bleibt eine wunderbare Kirche. Er ist nicht mehr „mein Michel“, aber ich bin dankbar, dass mich dort viele Jahre lang zu Hause fühlen durfte…